„Bombenholocaust“ – Täter-Opfer-Umkehr auf Neonazi-Demonstration in Magdeburg

Aktualisiert: 23. Jan.

Am 22.01.2022 fand in Magdeburg ein von neonazistischen Gruppen organisierter Gedenkmarsch anlässlich der Bombardierung der Stadt durch alliierte Luftstreitkräfte im Januar 1945 statt. Zentrale Elemente der gehaltenen Reden waren Schuldabwehr und eine umfassende Täter-Opfer-Umkehr.


Seit Ende des zweiten Weltkriegs und dem Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland wird um den Umgang mit der deutschen Schuld gerungen. Insbesondere rechtsextreme Ideologie funktioniert in Deutschland nicht ohne Schuldabwehr. Rechtsradikale sind im NS-Nachfolgestaat notwendigerweise auf eine Abwehr der deutschen Schuld am zweiten Weltkrieg und dem industriellen Massenmord an Millionen Menschen angewiesen – anders wäre ein deutscher Nationalismus wohl kaum noch möglich. Dabei bedient sich Schuldabwehr verschiedener Vehikel. Eins der wichtigsten ist zweifelsohne die geschichtsrevisionistische Täter-Opfer-Umkehr, verbunden mit einem deutschen Opfermythos. Dies ließ sich am Samstag, den 22. Januar 2022, par excellence auf einer neonazistischen Demonstration in Magdeburg beobachten.


Anlässlich der Bombardierung Magdeburgs durch alliierte Luftstreitkräfte am 16. Januar 1945 mobilisieren seit etlichen Jahren Gruppierungen aus dem rechtsextremen Spektrum in die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt. Ähnlich wie bei den Gedenkveranstaltungen, die jährlich im Februar in Dresden in Erinnerung an die Bombardierung der Stadt abgehalten werden, wird auch in Magdeburg das Gedenken von Rechtsextremen für die Verbreitung ihrer Ideologie genutzt. So riefen für den 22.01.2022 unter anderem die neonazistische „Neue Stärke Partei“, die Jugendorganisation der NPD „Junge Nationalisten“ (JN) und andere rechtsextreme Kleinstparteien oder Gruppierungen zur Teilnahme am sogenannten Gedenkmarsch auf. Insgesamt versammelten sich ca. 175 Teilnehmende. Ihr Trauermarsch lief jedoch nicht wie ursprünglich geplant vom Hauptbahnhof ausgehend durch die Innenstadt – was durchaus an dem breiten Gegenprotest gelegen haben könnte, zu dem linke und zivilgesellschaftliche Gruppen aufgerufen hatten. Statt dessen wurde die Veranstaltung kurzfristig in den Magdeburger Süden verlegt – „aus polizeitaktischen Gründen“, wie es auf Nachfrage bei den zuständigen Behörden hieß. So starteten gegen 14:30 Uhr die weniger als 200 angereisten Rechtsextremen und Neonazis von Sudenburg aus zu ihrem „Marsch“.


Gleich zu Beginn wurde durch den ersten Redner die inhaltliche Marschrichtung vorgegeben, als dieser sagte: „Im Jahre 1939 haben die kapitalistischen Staaten des Westens die Maske fallen lassen. Sie waren es, die die Eskalation herbeiführten, die wir heute unter dem Namen ‚zweiter Weltkrieg‘ kennen.“ Bereits hier wurde deutlich, dass deutsche Schuldabwehr eng verknüpft ist mit eklatanten historischen Falschbehauptungen.


Nach dieser Rede begann der Gedenkmarsch, der im Anschluss etliche Kilometer durch Magdeburg führte. Den ersten Block bildeten Mitglieder der „Neuen Stärke Partei“, die als Absplitterung der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ gilt. Weitere Blöcke wurden von Angehörigen der „JN“ und der Partei „Die Rechte” gebildet. Auch trugen etliche Anwesende ihre Mitgliedschaften in rechten Kameradschaften durch Aufdrucke auf ihren Kleidungsstücken zur Schau.


Nach mehreren Stunden, in denen der Marsch sich überwiegend schweigend und unter der Begleitung von Instrumentalmusik durch Magdeburg bewegt hatte, fand schließlich eine Zwischenkundgebung statt, auf der die Gesinnung der anwesenden Personen noch deutlicher zur Schau getragen wurde. In ihrem geschichtsrevisionistischen Ansinnen betrieben mehrere Redner massive Täter-Opfer-Umkehr – vor den in Reihen aufgestellten und Fackeln tragenden Rechtsextremen. Ein Redner der „Neuen Stärke Partei“ aus Rheinhessen bezeichnete die alliierten Luftangriffe dabei als ein „singuläres Kriegsverbrechen“ und fügte hinzu, der alliierte „Bombenterror“ sei der „systematische, fabrikmäßige Massenmord in Europa, vor allem am deutschen Volk” gewesen. Durch die Verwendung der Worte singulär und fabrikmäßig wird das Ansinnen des Redners deutlich: Beide Worte werden in der anerkannten Geschichtswissenschaft und weit darüber hinaus im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Jüdinnen:Juden genutzt. Die Tötung von Millionen von Menschen in eigens dafür gebauten Vernichtungslagern wird oft als „industriell“ oder „fabrikmäßig“ beschrieben. Die Shoa ist zudem ein absolut präzedenzloses Ereignis in der Geschichte – und somit ein singuläres. Indem diese Begriffe nun von Neonazis und anderen Rechtsextremen aus ihrem eigentlichen Kontext gerissen und für die Beschreibung alliierter Luftangriffe genutzt werden, sollen aus den NS-Täter:innen die ‚eigentlichen Opfer‘ gemacht werden. Auf die Spitze getrieben wurde dies durch einen Redner der Jungen Nationalisten, als dieser von einem alliierten „Bombenholocaust“ sprach, der „gegen deutsche Zivilisten“ geführt und „von den angeblichen Befreiern befürwortet“ worden sei. Der geschichtsrevisionistische und holocaustverharmlosende Begriff „Bombenholocaust“ wird immer wieder als Teil eines deutschen Opfermythos’ verbreitet – so beispielsweise vor rund einem Jahr in Dresden. [1]

Ein Redner der „Neuen Stärke“ – die sich nicht zufällig oft als „NS“ abkürzt – aus Gera sprach im Anschluss schließlich über seine Hoffnung, dass eines Tages wieder eine „andere Fahne über dem Reichstag“ wehen möge. Dann sei die Zeit gekommen, um die „Lügenmärchen“ auf den vielbeschworenen „Müllhaufen der Geschichte“ zu werfen. Was genau er mit Lügenmärchen meinte, ließ er bewusst offen. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass (anerkannte und auf Fakten basierende) Berichte über den Holocaust und deutsche Kriegsverbrechen gemeint waren.


Im Anschluss an die Zwischenkundgebung lief der Demonstrationszug wieder einige Kilometer bis zu seinem Endpunkt. Die dortige Abschlusskundgebung wurde mit einer Schweigeminute beendet. Zuvor hatten die Anwesenden gemeinsam skandiert: „Heil unseren Vorfahren – Heil Deutschland – Heil der neuen Stärke!“


An den hier in ihren wichtigsten Punkten skizzierten Reden vom 22. Januar wird exemplarisch deutlich, welche Bedeutung Schuldabwehr im deutschen Rechtsextremismus hat und wie sie funktioniert. Durch Fokussierung auf bestimmte historische Ereignisse (wie alliierte Bombardements) bei gleichzeitiger Ausklammerung anderer (wie dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg) soll ein verfälschtes Bild entstehen, in dem entweder alle am Krieg beteiligten Nationen gleichermaßen Schuldige und Opfer sind – oder im besten Fall die Deutschen zu den Opfern der angeblichen Aggressoren stilisiert werden können. Bestimmte Tatsachen werden dabei schlicht geleugnet (wie deutsche Kriegsverbrechen – oder zumindest ihr Ausmaß), andere Erzählungen stattdessen frei erfunden. Auch die Opferzahlen alliierter Angriffe werden trotz wissenschaftlicher Widerlegungen oft um ein Vielfaches höher angegeben, als sie tatsächlich waren. Sind diese Schritte vollzogen, so kann das „deutsche Volk“ seine „Erbschuld“ loswerden und endlich wieder „stolz“ auf die eigene Nation und Geschichte sein – eine Grundvoraussetzung für deutschen Nationalismus.


Schuldabwehr und Geschichtsrevisionismus haben in Deutschland viele Gesichter. Sie finden sich in verschiedensten gesellschaftlichen Lagern und werden aus unterschiedlichen Motivationen heraus betrieben. Die am 22. Januar in Magdeburg zur Schau gestellte Variante vom extremen rechten Rand ist sicherlich eine ihrer krassesten Ausprägungen. Wer es ernst meint mit dem „Nie wieder”, mit dem Erinnern an die deutsche Schuld und die nationalsozialistische Barbarei, muss sich diesen Formen von Geschichtsrevisionismus und deutschem Opfermythos entschieden entgegenstellen.


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[1] Siehe unser Bericht vom Februar 2021. Weitere Informationen zu rechtem Geschichtsrevisionismus finden sich auch in dieser Analyse vom November 2021.