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Yom Kippur 5787: Ein Tag der Rechenschaft

vor 2 Stunden
4 Min. Lesezeit

Am heutigen Sonntagabend beginnt Yom Kippur, der Versöhnungstag. Er ist der höchste Feiertag im jüdischen Jahr. 25 Stunden lang fasten Jüdinnen und Juden, sie arbeiten nicht, sie stehen über viele Stunden im Gebet. Die Synagogen sind an keinem anderen Tag so voll. Mit dem Kol Nidre am Abend beginnt der Tag, mit Ne’ila, dem Schlussgebet, wenn sich „die Tore schließen“, und einem langen Schofarton endet er.



Yom Kippur ist kein Tag der Trauer, sondern der Umkehr, hebräisch Teschuwa. Die Tradition unterscheidet dabei genau: Verfehlungen gegenüber Gott kann der Tag selbst sühnen. Verfehlungen gegenüber Menschen sühnt er erst, wenn man den Menschen, dem man Unrecht getan hat, selbst um Verzeihung gebeten und den Schaden gutgemacht hat. Deshalb gehört zu den Tagen vor Yom Kippur, dass Jüdinnen und Juden einander um Entschuldigung bitten – in der Familie, unter Freunden, in der Gemeinde, für das, was im vergangenen Jahr schiefgelaufen ist, oft ohne Absicht, manchmal ohne dass man es bemerkt hat. Fehler zu machen ist menschlich. Sie einzugestehen und um Verzeihung zu bitten, macht menschlich. Das Sündenbekenntnis wird im Plural gesprochen: „Wir haben gefehlt.“ Nicht, weil jeder alles getan hätte, sondern weil Verantwortung geteilt ist.

Doch dieselbe Tradition, die so großzügig mit Fehlern umgeht, ist präzise darin, was ein Fehler ist und was nicht. Das Bekenntnis unterscheidet zwischen dem Versehen, der bewussten Verfehlung und der Tat, die sich absichtlich gegen andere richtet. Wer eine Frau wegen eines Davidsterns mit einer zerbrochenen Flasche angreift, hat keinen Fehler gemacht. Wer Feuer an einer Synagoge legt, ist nicht gestolpert. Das sind Taten, die auf Menschen zielen, weil sie jüdisch sind oder für jüdisch gehalten werden oder sich zu Jüdinnen und Juden stellen. Für sie gibt es keine Nachsicht aus Menschlichkeit, und Verzeihung wäre nicht unsere Sache: Sie müsste bei denen erbeten werden, die getroffen wurden. Am Nachmittag von Yom Kippur wird das Buch Jona gelesen. Eine ganze Stadt kehrt um, und die Umkehr wird angenommen. Das ist die Zumutung und das Versprechen dieses Tages: Niemand ist auf das festgelegt, was er getan hat. Aber niemand kommt um die Rechenschaft herum.


In diesem Jahr fällt Yom Kippur in eine Zeit, die diese Unterscheidung sehr konkret macht.


In der Nacht zum 11. September, unmittelbar vor Rosch Haschana, wurde in der Torstraße in Berlin-Mitte eine 43-jährige Frau von zwei Männern auf ihren Davidstern angesprochen, antisemitisch beleidigt und mit einer zerbrochenen Glasflasche angegriffen. Sie erlitt Schnittverletzungen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Die Frau ist nicht jüdisch. Sie trug den Stern als Zeichen der Solidarität. Der Angriff traf sie, weil sie sichtbar an unserer Seite stand. Wer den Davidstern aus dem Stadtbild drängen will, greift damit auch jene an, die sich zu uns stellen. Als am Donnerstag in Neukölln unter dem Motto „Berlin trägt Davidstern“ genau diese Solidarität sichtbar gemacht werden sollte, wurde die Kundgebung nach Medienberichten von Gegenprotest übertönt.


Am selben Donnerstag legte in Wuppertal ein Mann am helllichten Tag Feuer an einem Seiteneingang der Bergischen Synagoge. Gemeindemitglieder löschten die Flammen, niemand wurde verletzt. Ein 37-jähriger Tatverdächtiger wurde festgenommen, der Staatsschutz ermittelt; zu seinem Motiv liegen bislang keine gesicherten öffentlichen Angaben vor. Es ist der zweite Brandanschlag auf diese Synagoge nach 2014. Und wer sich an Halle erinnert, an den 9. Oktober 2019, an Yom Kippur, weiß, was ein Anschlag auf eine Synagoge in den Hohen Feiertagen für jüdische Gemeinden bedeutet: Man geht am heiligsten Tag des Jahres zum Gebet und prüft vorher die Nachrichten.


Diese beiden Taten sind keine Ausnahmen. Antisemitische Vorfälle und Versammlungen mit antisemitischen Inhalten haben in Deutschland und in Berlin Rekordwerte erreicht. Hinter den Zahlen stehen Menschen, die sich überlegen, ob sie die Kette mit dem Davidstern unter dem Pullover tragen, ob sie ihr Kind auf die jüdische Schule schicken, ob sie zur Kundgebung gehen. Das ist die Lage, in der Jüdinnen und Juden in dieser Stadt am Sonntagabend in die Synagoge gehen.


Am selben Sonntag wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus und seine Bezirksverordnetenversammlungen. Viele Jüdinnen und Juden werden am Abend beim Kol Nidre sitzen, während die Stimmen gezählt werden. Über Parteien und Ergebnisse äußern wir uns nicht. Aber wir verschweigen nicht, wie diese Wahl aus jüdischer Sicht aussieht: als eine Entscheidung darüber, wie es in den nächsten Jahren weitergeht. Ob Synagogen, Schulen und Gemeindeeinrichtungen geschützt werden. Wie Polizei und Justiz mit antisemitischen Straftaten umgehen. Was Kinder in Berliner Schulen über Judentum und Antisemitismus lernen. Ob Antisemitismus in allen seinen Erscheinungsformen benannt wird oder je nach Herkunft der Täter relativiert. Für die meisten Berlinerinnen und Berliner sind das Fragen unter vielen. Für Jüdinnen und Juden entscheiden sie darüber, wie sicher man sich in der eigenen Stadt bewegt. Es ist ein eigenartiges Gefühl, am heiligsten Tag des Jahres von einer Entscheidung abhängig zu sein, die andere treffen, und sie erst zu erfahren, wenn der Tag vorbei ist. Wer am Montagabend nach Ne’ila das Telefon einschaltet, wird wissen, wie die Stadt entschieden hat. Was das für jüdisches Leben bedeutet, wird sich erst in den Jahren danach zeigen.


Yom Kippur fragt nach dem, was man selbst getan und unterlassen hat, nicht nach dem, was andere tun sollten. Das gilt auch für uns: Wir prüfen an diesem Tag unsere eigene Arbeit, unsere Worte und ihre Wirkung. Von der Gesellschaft, in der wir leben, wünschen wir uns dasselbe: eine ehrliche Bilanz darüber, wo weggesehen, relativiert oder geschwiegen wurde. Wegsehen ist ein Fehler, und Fehler lassen sich korrigieren. Die Tradition lehrt, dass Umkehr immer möglich ist. Sie verlangt nur, dass man beginnt.


Allen, die fasten, einen leichten Fastentag. G’mar chatima tova – möge das Urteil zum Guten besiegelt werden.


(Redaktion JFDA e.V.)



 
 
 

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