Zwei Tage in einem: Rosch Haschana am 11. September
Heute Abend beginnt Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest. Mit dem Klang des Schofars tritt das Jahr 5787 an. Es ist ein Fest der Freude, des Neubeginns und der Hoffnung. Wir wünschen unseren Freundinnen und Freunden, unseren Partnern und Wegbegleitern ein gutes und süßes neues Jahr.

Doch der heutige Tag trägt noch ein zweites Datum. Vor 25 Jahren, am 11. September 2001, griffen Terroristen von Al-Qaida die Vereinigten Staaten an. Zwei Flugzeuge trafen das World Trade Center in New York, ein drittes das Pentagon, ein viertes stürzte bei Shanksville ab. Fast 3.000 Menschen wurden ermordet. Für ihre Familien und für Millionen Menschen weltweit steht dieser Tag für eine der größten Tragödien unserer Zeit.
Wie passen Trauer und Freude an einem Tag zusammen? Die jüdische Tradition kennt diese Frage seit Jahrtausenden, und sie antwortet nicht mit einem Entweder-oder.
Die Tora stellt das Leben in den Mittelpunkt, und zwar ein glückliches, freudvolles Leben. „Du sollst fröhlich sein an deinem Fest", heißt es im 5. Buch Mose (16,14). Das ist ein Gebot, keine Empfehlung. Der Psalm ruft: „Dient dem Ewigen mit Freude" (Psalm 100,2). Freude, Simcha, ist im jüdischen Verständnis kein Nebenprodukt guter Umstände. Sie ist eine spirituelle Aufgabe, ein Zustand der Seele, den man kultivieren kann und soll. Rabbi Nachman von Bratslaw hat es vor gut 200 Jahren zugespitzt: Es ist ein großes Gebot, immer in Freude zu sein.
Was aber heißt glücklich leben? Die jüdische Tradition meint damit weder Bequemlichkeit noch Konsum. In den Sprüchen der Väter, hebräisch Pirke Avot, fragt Ben Soma: Wer ist reich? Seine Antwort: Wer sich an seinem Anteil freut. Glücklich ist, wer das schätzt, was er hat, statt dem nachzutrauern, was fehlt. Glücklich ist, wer nicht stillsteht, sondern sich geistig und moralisch weiterentwickelt, wer lernt, gibt und Verantwortung übernimmt. Freude in diesem Sinn ist Arbeit an sich selbst. Sie wächst mit der Dankbarkeit für das Leben, für die Menschen an unserer Seite, für jeden neuen Tag. Der Segensspruch Schehechejanu, den wir an Rosch Haschana sprechen, dankt genau dafür: dass wir diesen Augenblick erleben dürfen.
Im Leben jedes Menschen gibt es Tage des Glücks und Tage, an denen das Glück fern scheint. Niemand ist immer fröhlich, und auch die Trauer hat im Judentum ihren festen Platz. Aber die Entscheidung, das Leben trotz allem zu bejahen, steht jedem offen. Gerade an schweren Tagen ist Freude keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Haltung, die man wählt. Wer trotz Trauer das Leben feiert, wer das eigene Fest nicht ausfallen lässt, gibt dem Terror nicht das, was er will. Terroristen wollen Angst säen und das Leben klein machen. Sie gewinnen, wenn wir aufhören zu feiern, zu hoffen und einander zu begegnen. Sie verlieren, wenn wir es weiter tun.
Deshalb gedenken wir heute der Ermordeten des 11. September und beginnen zugleich das neue Jahr mit Freude. Beides gehört zusammen. Das Gedenken gibt der Freude ihre Tiefe. Die Freude gibt dem Gedenken seinen Sinn: Das Leben geht weiter, und wir gestalten es.
Schana towa umetuka. Ein gutes und süßes Jahr 5787 für Sie und Ihre Familien.
Redaktion JFDA e.V.



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