Shoah-Relativierung mit Ansage: Kundgebung "75 Jahre Nürnberger Kodex – Nie wieder Zwangsmedizin"

Aktualisiert: 24. Aug.



„‘Never again‘ is now“ – Zum Abschluss ihrer etwa halbstündigen Rede machte Vera Sharav unmissverständlich klar, welche Haltung sie vertritt. Die im Sieg über Nazideutschland begründete Losung (zu dt.: „Nie wieder!“) bildete das vorläufige Ende einer Aneinanderreihung von Shoah-Relativierungen, NS-Verharmlosungen und antisemitischen Verschwörungserzählungen. Vera Sharav war am vergangenen Samstag der heimliche Star eines Aufmarsches radikaler Impfgegner:innen und Corona-Pandemieleugner:innen in Nürnberg, der im Schwerpunkt den 75. Jahrestag der Ausformulierung des „Nürnberger Kodex“ zum Thema hatte. Ein Thema, bei dem die Relativierung von Verbrechen im Nationalsozialismus vorprogrammiert zu sein scheint.


Markant im Zusammenhang mit Sharav ist, dass die 1937 in Rumänien geborene selbst Überlebende der Shoah ist. Seit Jahrzehnten tritt die Gründerin der „Alliance for Human Research Protection“ als Antiimpf-Aktivistin in Erscheinung und wird aufgrund ihrer Biografie von Impfgegner:innen immer wieder als (jüdische) Kronzeugin herangeführt. Sharavs persönliche Geschichte vermag allerdings nichts an der Problematik der von ihr geäußerten Aussagen ändern: Wie während des Nationalsozialismus würden Medieneinrichtungen heutzutage unterdrückt, behauptete sie. Durch von Nazis geprägtes Vokabular wie „Untermenschen” bezog sich Sharav auf derzeitige Verhältnisse und warnte vor dem nächsten „Holocaust”. Trotz der Tatsache, dass sie selbst Shoah-Überlebende ist, handelt es sich bei diesen Aussagen um Relativierungen der Shoah, dem Völkermord an bis zu 6,3 Millionen europäischen Jüdinnen:Juden während des Zweiten Weltkriegs. Antisemitischen Verschwörungserzählungen folgend, behauptete Sharav zudem, die Verantwortung für die Corona-Pandemie trage eine mächtige „Elite” („global billionairs”). Konkret nannte sie Klaus Schwab, den Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos. Schwab und die „new eugenics” würden den Weg zu einem neuen „Holocaust” bereiten. Statt Zyklon B, ein Giftgas, das seit 1941 in Gaskammern von NS-Konzentrationslagern zur systematischen Ermordung von Häftlingen eingesetzt wurde, sei man dieses Mal aber auf Biowaffen wie Impfstoffe umgestiegen, so die Rednerin.


All das, was Vera Sharav am 20. August in Nürnberg sagte, quittierten die etwa 2.500 anwesenden Demonstrant:innen mit lang anhaltendem Applaus. Die Moderatorin Sabine Helmbold, die sich auf ihrer persönlichen Website als „Bewusstseinsentwicklerin” beschreibt, bedankte sich im Anschluss für die „sehr mutige Rede” Sharavs. So gravierend die hier dargelegten Äußerungen Sharavs sind, überraschen dürfen sie in diesem Zusammenhang nicht - insbesondere in Anbetracht des Themas der Kundgebung.

Vera Sharav mit Walter Weber (Ärzte für Aufklärung)

Veranstaltung zum 75. Jahrestag des Nürnberger Kodex

Monatelang liefen die Vorbereitungen für diese Veranstaltung, die kurzfristig auf die Wöhrder Wiese, einer innerstädtischen Grünfläche im Zentrum Nürnbergs, verlegt wurde. Eine „Aktionsgemeinschaft” aus verschiedenen Initiativen und Gruppen, allen voran die „Ärzte für Aufklärung”, aber auch „Ärzte stehen auf”, „Studenten stehen auf” und „World Council for Health”, hatte sich zum Ziel gesetzt, der „weltweiten Opfer von Zwangsmedizin” zu gedenken. Der Nürnberger Kodex umfasst medizinethische Leitlinien bzw. Grundsätze für Experimente an Menschen. Er entstand 1947 im Zusammenhang mit den Prozessen gegen NS-Ärzte nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Seit Beginn der Pandemie werden diese Grundsätze instrumentalisiert, um vermeintliche Analogien zwischen den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und der Corona-Pandemie herzustellen und damit die NS-Schreckensherrschaft zu relativieren. Dass sich dies nun auch am 20. August in Nürnberg beobachten ließ, überraschte demzufolge nicht. Vielmehr führte das wie ein roter Faden durch die meisten Redebeiträge, inklusive der Podiumsdiskussion. An dieser nahmen neben Sharav u.a. noch Marry Holland, Tess Lawrie und Pastor Martin Michaelis teil. Die Rechtsanwältin Beate Bahner, die mit großem Applaus begrüßt wurde, nahm den größten Redeanteil in dieser Runde für sich in Anspruch. Auch hier wurden zwischen dem üblichen Verschwörungsgeraune Vergleiche zum NS oder der Apartheid in Südafrika gezogen. Bedient wurde vor allem das Narrativ, bei den Hygiene- und Impfmaßnahmen handele es sich um medizinische Experimente bzw. um Zwangsmedizin – worauf das Motto „75 Jahre Nürnberger Kodex - Nie wieder Zwangsmedizin” des Aktionstages bereits verwies.


Podiumsdiskussion mit u.a. mit Beate Bahner und Herve Seligmann.

Rolf Kron: Masken als „Experiment“ Auf Sharavs Rede folgte ein Beitrag des Homöopathen und Impfgegners Rolf Kron („Ärzte für Aufklärung“), der sich nicht nur von seiner Vorrednerin beeindruckt zeigte, sondern ebenfalls mit fragwürdigen Vergleichen und NS-Relativierung auffiel. Er beklagte Razzien bei Ärzt:innen, einen fehlenden „wissenschaftlichen Dialog“ oder das zunehmende „Framing“ von Ärzt:innen als „Kriminelle“. Der vermeintliche Mangel an Dialog erinnere ihn an „dunkle Zeiten Deutschlands“. Ohne den Nationalsozialismus selbst zu nennen, erschloss sich Zuhörer:innen zweifelsohne, auf welche Zeit Kron damit anspielte. Weitere Redner:innen waren unter anderem Mary Holland („Childrens health defense”) und der israelische Arzt Herve Seligmann. Während Holland behauptete, es handele sich bei den derzeitigen Vorgängen um „Massenversuche” und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, stellte Seligmann die irreführende These in den Raum, Personen, die der Regierungslinie folgten, litten unter dem Stockholm-Syndrom. Das Syndrom beschreibt ein psychologischen Effekt, in dessen Rahmen Opfer von z.B. Geiselnahmen positive emotionale Gefühle zu ihren Entführern aufbauen.

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Rolf Kron auf der Bühne mit Walter Weber und einer Gebärdensprecherin. Die Inschrift des Kranzes lautete "Nie wieder Zwangsmedizin - Wir gedenken der Opfer"

In einem weiteren Redebeitrag einer Vertreterin der Gruppe „We for Humanity” wurde Sucharid Bhakdi geehrt und versucht, ihn von Antisemitismus freizusprechen. Gegen Bhakdi ist Anklage wegen Volksverhetzung erhoben worden, nachdem er eine Hassrede gegen Jüdinnen:Juden gehalten und Israel als „lebende Hölle“ bezeichnet hatte. Das jüdische Volk habe laut des Die Basis-Politikers von den Nazis gelernt und schlimmer noch, das „Erzböse“ umgesetzt. Wie diese Rede mit der Selbstdarstellung der Organisation zusammen gehen soll, wurde nicht erläutert. Demnach ist diese nämlich u.a. ein Zusammenschluss aus Shoah-Überlebenden und deren Nachfahren. Um sich einen internationalen Anstrich zu geben, wurden zwischendurch noch Grußbotschaften aus verschiedenen Ländern eingespielt und immer wieder betont, dass ihr Livestream um die Welt ginge.

Kronzeug:innen und Immunisierung Neben dem inhaltlichen Gleichklang zeigte sich vor allem eine Auffälligkeit: die Teilnahme von Shoahüberlebenden, wie Vera Sharav, die Beteiligung des israelischen Mediziners Herve Seligmann, den „Jews for Justice” sowie einer Gruppe, die sich auf einem Transparent als „Juden für Aufklärung” bezeichnete. Deren Aufgabe dürfte zweierlei gewesen sein: zum einen inhaltlich und durch die eigene Biografie einen angeblichen Bezug zum Nationalsozialismus bzw. der Shoa zu verfestigen und zum anderen die Veranstaltung als jüdische/israelische Kronzeug:innen gegen Antisemitismuskritik, insbesondere aufgrund der Shoah-Relativierung zu immunisieren. Auch die Bundesärtzekammer hatte sich in einer Pressemitteilung von dieser Versammlung distanziert und vor einem „Missbrauch des ethischen Manifestes” gewarnt. Letztendlich führte das Banner der „Juden für Aufklärung“ zu einem Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung durch die Polizei.

Zur Veranstaltung nach Nürnberg kamen Teilnehmer:innen aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich und der Schweiz angereist. Darunter Anhänger:innen der rechtsextremen Freien Sachsen, der Freien Linken, QAnon- und AfD-Sympathisant:innen und Mitglieder. Der (Ex-) AfD-Funktionär Heinrich Fiechtner dagegen hatte einen Platz im abgesperrten VIP-Bereich und war als Interviewpartner gefragt. Bereits vor der Kundgebung auf der Wöhrder Wiese veranstalteten die „Studenten stehen auf” einen Spontanaufzug durch die Nürnberger Innenstadt.

Während der Gedenkveranstaltung kam es im Beisein der Polizei zu massiven Bedrohungen und Beleidigungen von mehreren Journalist:innen durch Teilnehmende.