Balfour als falsche Gründungserzählung
Bei einer Demonstration in Berlin wurde am 7. November 2026 der 109. Jahrestag der Balfour-Erklärung begangen. Der Redebeitrag, aus dem wir parallel zu diesem Text Ausschnitte in einem Video veröffentlichen, erzählt den Nahostkonflikt als eine Kette, die 1917 beginnt und in der Gegenwart bei „Genozid“ und „Besatzung“ endet. Indem die Erzählung den Anfangspunkt auf 1917 legt, dient sie weniger der Geschichtsdeutung als der politischen Verklärung: Die Frage, was Israel tut, wird durch die Frage ersetzt, ob Israel überhaupt sein darf.

Im Folgenden ordnen wir ein, welche Funktion die Balfour-Erzählung in der Szene erfüllt, an welchen Stellen sie Tatsachen verbiegt oder verschweigt, wie sie an das Siedlerkolonialismus-Narrativ anknüpft und wo sie Anschlussfähigkeit für Antisemitismus und Antizionismus herstellt.
Wozu die Erzählung dient
Da die Balfour-Erzählung einen Ursprung benennt, aus dem sich alles Weitere ableiten lässt, fungiert sie in der Szene als Gründungsmythos. Vier Funktionen lassen sich unterscheiden.
Sie setzt einen Anfangspunkt des Unrechts. Wird 1917 als Beginn genommen, so lassen sich 1948, 1967 und der Krieg in Gaza als Stationen einer einzigen Linie erzählen. Im Redebeitrag zeigt sich das in der Formel „109 Jahre“, die Vertreibung, Besatzung und Krieg zu einem durchgehenden Geschehen verdichtet.
Sie verschiebt Kritik von der Politik auf die Existenz. Besatzung, Siedlungsbau und Kriegsführung sind Handlungen und damit veränderbar. Ein Staat hingegen, der aus einem Raub entstanden sein soll, lässt sich nur durch sein Verschwinden „korrigieren“. Im Redebeitrag fließen „Nakba“ und „Besatzung“ ineinander, und die Schlussformel verlangt „Befreiung Palästinas“, ohne Gebiet und Ziel zu benennen.
Sie stiftet Zugehörigkeit und Handlungsdruck. Jahrestage wie der Balfour-Tag und der Nakba-Gedenktag strukturieren das politische Jahr der Szene, bieten der Diaspora einen gemeinsamen Bezugspunkt und rahmen aktuelle Forderungen als Fortsetzung historischer Pflicht. Wer widerspricht, steht in dieser Logik auf der Seite des Unrechts.
Sie adressiert Schuld. Aus der britischen Kolonialmacht wird „der Westen“, schließlich die Bundesregierung, der der Redebeitrag Mitverantwortung zuschreibt. Damit einhergehend verlieren die Palästinenserinnen und Palästinenser ihre Rolle als Handelnde: Sie erscheinen als Objekte fremder Entscheidungen, obwohl auch ihre eigenen Entscheidungen zur Geschichte gehören.
Wo verfälscht wird
Der historische Kern ist unstrittig. Die Erklärung ist ein Brief des britischen Außenministers Arthur Balfour an Lord Rothschild vom 2. November 1917, in dem die Regierung die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina mit Wohlwollen betrachtet. Palästina gehörte damals zum Osmanischen Reich, und die Bevölkerung wurde nicht gefragt – sie bestand nach dem britischen Zensus von 1922 zu rund 78 Prozent aus Muslimen, zu rund 10 Prozent aus Christen und zu rund 11 Prozent aus Juden. In der Erklärung kommt die Mehrheit allerdings nur als „bestehende nichtjüdische Gemeinschaften“ vor, deren „bürgerliche und religiöse Rechte“ nicht beeinträchtigt werden sollten; politische Rechte werden nicht genannt.
Verkürzt oder falsch wird die Erzählung an mehreren Stellen.
1. Balfour als Gründungsakt. Die Erklärung war eine Absichtserklärung der britischen Regierung, weder Landübertragung noch Staatsgründung. Das Mandat für Palästina (Urkunde vom 24. Juli 1922) nahm sie zwar in die Präambel auf, verpflichtete die Mandatsmacht jedoch zugleich, die bürgerlichen und religiösen Rechte „aller Einwohner“ ohne Unterschied von Rasse und Religion zu schützen (Art. 2), und erleichterte jüdische Einwanderung „unter geeigneten Bedingungen“ (Art. 6). Der Staat Israel entstand erst 1948, nach dem UN-Teilungsplan (Resolution 181 vom 29. November 1947) und dem darauffolgenden Krieg.
2. Britische Politik als gradlinige Förderung. Die britische Haltung wandelte sich jedoch grundlegend. Das Weißbuch vom Mai 1939 begrenzte die jüdische Einwanderung auf 75.000 Personen in fünf Jahren, machte jede weitere von arabischer Zustimmung abhängig, schränkte den Landerwerb ein und sah innerhalb von zehn Jahren einen unabhängigen Staat vor, der weder jüdisch noch arabisch sein sollte – in den Jahren, in denen die europäischen Juden verfolgt wurden. Wer Balfour als Beginn eines britisch-zionistischen Bündnisses erzählt, übergeht diesen Bruch.
3. Zionismus als britisches Werkzeug. Die zionistische Bewegung wurzelt in der europäischen Judenverfolgung, jüdische Einwanderung nach Palästina begann Jahrzehnte vor 1917, und jüdisches Leben im Land reicht Jahrtausende zurück. Zudem ist der Vorwurf älter als die Balfour-Erklärung: Schon 1898 wies Max Nordau in einer Replik die Unterstellung zurück, die Zionisten seien „Marionetten, deren Drähte von England gezogen werden“. Zum entscheidenden Schritt wurde die Erklärung erst 1917, nachdem britische Truppen Palästina erobert hatten; die Bemühungen um eine Konzession beim Osmanischen Reich waren zuvor ohne Ergebnis geblieben. Die Formel vom „Volk, das seit Jahrtausenden dort lebt“ trifft auf Palästinenserinnen und Palästinenser zu, wird in der Szene jedoch exklusiv gelesen. Durch diese Essentialisierung werden jüdische Geschichte, Pogrome, die Shoah und die Flucht und Vertreibung ganzer jüdischer Gemeinden aus arabischen und islamischen Ländern ausgeblendet.
4. Eine Ursache für alles. Hunderttausende Araber flohen 1948 oder wurden vertrieben; die sogenannte Nakba ist historisch belegt. Ebenso mussten in den Jahren nach 1948 Hunderttausende Jüdinnen und Juden aus Ägypten, dem Irak, dem Jemen, Libyen, Marokko und anderen arabischen und islamischen Ländern fliehen oder wurden vertrieben; die meisten fanden in Israel Aufnahme. Diese Vertreibung kommt in der Erzählung der Szene nicht vor. Hinzu kommt, dass die Nakba auf einen durch die arabischen Staaten begonnenen Krieg nach dem Teilungsplan folgte, den die arabische Führung ablehnte, und nicht automatisch auf eine Erklärung von 1917. Indem die Linie „1917 bis heute“ den arabisch-palästinensischen Akteuren die Verantwortung für eigene Entscheidungen entzieht, vor allem für die Ablehnung des Teilungsplans und den anschließenden Krieg, ersetzt sie Geschichtsschreibung durch Entlastung.
Anschluss an das Siedlerkolonialismus-Narrativ
Indem die Balfour-Erzählung den Gründungsakt liefert, bedient sie das Siedlerkolonialismus-Schema: Eine imperiale Macht verfügt über ein Land, ohne die dort Lebenden zu fragen, und eine Siedlergruppe folgt. Die Settler Colonial Studies fassen Siedlerkolonialismus nach Patrick Wolfe als dauerhafte Struktur und nicht als einzelnes Ereignis auf, deren Logik die Verdrängung der Ureinwohner sei. Wird 1917 als Beginn dieser Struktur gesetzt, so müssen 1948, 1967 und der Krieg in Gaza nicht mehr als Ereignisse mit eigener Vorgeschichte erklärt werden; sie erscheinen als bloße Fortsetzung. Aus der Verdrängungslogik folgt in der Szene sodann die Genozid-Zuschreibung: Der Redebeitrag bezeichnet den Genozid als direkte Folge der kolonialen Politik seit Balfour.
Im Redebeitrag zeigt sich diese Anknüpfung bereits an der Sprache: „koloniale Enteignung“, „koloniale Expansion“, „Kolonialmacht“, „Überwindung der kolonialen Besatzung“, „Kampf gegen Kolonialismus“ und zum Schluss „Befreiung“. Der Begriff ‚Siedlerkolonialismus‘ fällt sogar ausdrücklich, die dahinterstehende Logik entspricht jener, die unsere Handreichung als Schablone beschreibt.
Entscheidend ist eine Unterscheidung: Das britische Mandat war Kolonialherrschaft, die Siedlungspolitik im Westjordanland seit 1967, nach dem sechs Tage Krieg und dem Angriff Ägyptens auf Israel, ist umstritten,aber keine Staatsgründung. Indem die Szene beides gleichsetzt, kann sie behaupten, der Staat Israel sei seinem Wesen nach ein illegitimes koloniales Projekt. Die erste Aussage richtet sich auf ein Handeln, das sich ändern lässt, die zweite auf eine Existenz, die sich nur durch Verschwinden „korrigieren“ ließe. Die Forschung zeigt, dass sich der Zionismus dem Schema nicht widerspruchsfrei fügt, da die Bewegung kein Mutterland hinter sich hatte, aus Verfolgung entstand und sich auf eine historische Bindung an das Land beruft. Die Schablone muss diese Widersprüche verschweigen, um eindeutig zu bleiben.
Als Beleg verweist die Szene gern auf Zitate früher Zionisten. Max Nordau wollte in Vorderasien tun, „was die Engländer in Indien getan haben – ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft“, und die „moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken“. Diese Äußerungen dokumentieren europäisches Überlegenheitsdenken der Jahrhundertwende, und die Forschung benennt sie auch so. Sie belegen jedoch weder den Auftrag einer Mutterland-Macht noch ein Recht, dem heutigen Staat die Existenz abzusprechen; wer daraus ein Urteil über Israel ableitet, verwechselt Ideengeschichte mit Staatskritik. Damit ersetzt die Schablone Analyse durch Gewissheit: Sie liefert das Urteil, bevor die Fakten geprüft sind, und verlangt von Israel einen Nachweis der Daseinsberechtigung, den von keinem anderen Staat jemand verlangt.

Wo Raum für Antisemitismus und Antizionismus entsteht
Zum Redebeitrag selbst: Er ist über weite Strecken Agitation gegen den Staat Israel mit delegitimierenden Elementen; ein ausdrücklich antisemitischer Topos ist darin nicht erkennbar. Die Anschlussstellen liegen in Leerstellen und Mehrdeutigkeiten, und sie werden dort zu Einfallstoren, wo die Balfour-Erzählung weitergetragen wird.
Existenzfrage statt Politikkritik. Nach der IHRA-Arbeitsdefinition ist Kritik an Israel, die mit der an anderen Staaten vergleichbar ist, nicht antisemitisch; Delegitimierung und doppelte Standards können es hingegen sein. Wer aus 1917 folgert, Israel sei illegitim, legt einen Maßstab an, den niemand an Irak, Syrien, Libanon oder Jordanien anlegt, obwohl deren Grenzen aus derselben imperialen Neuordnung stammen.
„Zionist“ als Pauschalmarker. Der Redebeitrag spricht mehrfach vom „zionistischen Regime“. Wo ‚Zionisten‘ Israelis, Juden und Unterstützer ineinander setzt, wird aus Politikkritik eine Kollektivzuschreibung. In unserer Beobachtung genügte in Fällen von Bedrohung und Gewalt die israelische Staatsbürgerschaft als Anlass.
Leerstellen. Der 7. Oktober 2023, die Hamas, die israelischen Opfer und jüdische Geschichte im Land kommen im Redebeitrag nicht vor, soweit das Transkript erkennen lässt. Eine Geschichte ohne diese Elemente macht eine Seite unsichtbar; unsere Handreichung beschreibt die Tilgung der israelischen Opfer als wiederkehrendes Muster.
Mehrdeutiger „Widerstand“. Der Schlusssatz lautet sinngemäß: Wo Besatzung herrsche, werde es Widerstand geben, bis zur vollständigen Befreiung Palästinas. Er lässt offen, ob Protest, Boykott oder Gewalt gemeint sind und welches Gebiet „Palästina“ umfasst. In Teilen der Szene wird dieselbe Formel als Legitimation bewaffneten Kampfes und des 7. Oktober gelesen; unsere Feldbeobachtung dokumentiert Beispiele dafür.
Anknüpfung für Verschwörungsdenken. Der Brief ist an Lord Rothschild gerichtet, und „Rothschild“ ist ein altes antisemitisches Verschwörungskennzeichen. Aus der Erzählung „eine Kolonialmacht vergibt ein Land an die Zionisten“ lässt sich leicht das Bild jüdischer Hintermänner der Weltpolitik machen. Im Redebeitrag ist das nicht erkennbar; wo die Erzählung verkürzt weitergegeben wird, etwa in Kurzvideos oder Memes, besteht diese Anschlussmöglichkeit.
Vier Prüffragen
Für die Einordnung helfen vier Fragen aus unserer Handreichung: Wird Israel als politischer Gegner kritisiert oder als Staat delegitimiert? Wird Gewalt gegen Israelis verurteilt, relativiert oder gefeiert? Werden Juden, Israelis und Zionisten sprachlich oder symbolisch gleichgesetzt? Wird Antisemitismus als Problem benannt oder als bloßer Vorwurf abgewehrt? Keine dieser Fragen beweist für sich etwas, entscheidend ist das Zusammenwirken.
Beim Redebeitrag trifft die erste Frage zu: Pauschalbegriffe und das offene Ziel der „Befreiung“ delegitimieren Israel als Staat. Die zweite bleibt offen, da Gewalt gegen Israelis nicht angesprochen wird und der „Widerstand“ mehrdeutig ist. Eindeutig antisemitische Aussagen lassen sich im Redebeitrag nicht belegen; die Erzählung ist dadurch jedoch nicht harmlos, sondern anschlussfähig. Für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit folgt daraus, die Auslassungen zu benennen und die Konsequenz einzufordern: Wer 1917 zum Ursprungsunrecht erklärt, macht Israels Existenz zur Verhandlungsmasse, und genau dort schlägt Kritik in Delegitimierung um. Israel ist kein Kolonialprojekt, das sich mit dem Verweis auf 1917 erledigen ließe, sondern der Staat des jüdischen Volkes, das Verfolgung überlebt hat und ein Recht auf Selbstbestimmung besitzt.



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