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Decoded: Hass im Netz - Lagebild: Antisemitismus als Gelegenheitsstruktur

vor 12 Minuten
7 Min. Lesezeit

In unserer Online-Monitoring-Reihe „Decoded: Desinformation und Hass im Netz“ untersuchen wir die Verbreitung antisemitischer Narrative und Stereotype in sozialen Medien. Anhand aktueller Beispiele analysieren wir ihre Erscheinungsformen, ordnen sie historisch und gesellschaftlich ein und zeigen, wie Antisemitismus im Internet aufgegriffen und weiterverbreitet wird.


Dieses Lagebild analysiert vier verschiedene Ereignisse aus dem Jahr 2026: den Hantavirus-Ausbruch, den Eurovision Song Contest, die Fußball-Weltmeisterschaft und die Veröffentlichung der Epstein-Akten. Das Lagebild zeigt, wie aktuelle Nachrichtenlagen als Gelegenheitsstruktur für antisemitische Mobilisierung fungieren. Trotz ihrer unterschiedlichen Kontexte weisen die untersuchten Beiträge wiederkehrende antisemitische Deutungsmuster auf: Ein aktuelles Ereignis wird aufgegriffen, mit antisemitischen Narrativen aufgeladen und in eine Erzählung verdeckter jüdischer und israelischer Macht, Täuschung oder Schuld überführt. Dabei unterscheiden sich die konkreten Ausdrucksformen. Sie reichen von verschwörungsideologischen Zuschreibungen und antisemitischer Bildsprache bis zu Dehumanisierung, Holocaustrelativierung und Vernichtungsfantasien. Die eigentliche Erkenntnis liegt dabei in der Heterogenität der aufgezeigten Anlässe aus den Bereichen Gesundheit, Popkultur und Sport sowie einem Straffall.


Für Jüdinnen:Juden bedeutet diese Dynamik, dass unterschiedlichste Ereignisse, Krisen und gesellschaftliche Entwicklungen zum Ausgangspunkt antisemitischer Anfeindungen werden können, selbst wenn sie keinen unmittelbaren Bezug zu jüdischem Leben haben. Zugleich trägt die wiederholte Verbreitung solcher Inhalte zur Normalisierung antisemitischer Narrative in der digitalen Öffentlichkeit bei. Der jeweilige Anlass ist dabei nicht die Ursache des Antisemitismus, sondern dient als Anknüpfungspunkt für bereits vorhandene antisemitische Deutungsmuster.


Die Epstein-Akten als Gelegenheitsstruktur für antisemitische Verschwörungs-narrative

Mit der Veröffentlichung der Epstein-Akten, einem großen Datensatz zum Fall des 2019 verstorbenen verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, verbreiten sich verschiedene Verschwörungsfantasien. Die Dokumente bieten eine Gelegenheitsstruktur für antisemitische Verschwörungsnarrative, indem komplexe Machtverhältnisse auf geheime Eliten reduziert und die jüdische Identität Epsteins und weiterer Genannter zur Bestärkung von Mythen jüdischer Kontrolle und Bosheit genutzt werden.



Die Bildsprache der Eisberg Metaphorik visualisiert die verschwörungsideologische Grundstruktur: Die sichtbare Aktenlage sei nur die Spitze, darunter verberge sich eine satanistische Parallelwelt. Der reale Skandal wie die tatsächliche Verbrechen, prominente Kontakte oder offen bleibende Fragen, verleiht dieser Fantasie ihre besondere Anschlussfähigkeit.



Eine zentrale Funktionsweise von Verschwörungsfantasien ist die Inszenierung einer übermächtigen Elite, die im Verborgenen Macht über das Weltgeschehen ausübt. Gerade Krisen wie die Covid-Pandemie dienen als Nährboden von Verschwörungsfantasien, da diese helfen können, unerklärbare Geschehnisse begreifbar zu machen. Aus dem Zusammenhang gelöste E-Mail-Fragmente fungieren als vermeintliche Beweise einer jahrelang geplanten „Versklavung der Menschheit". Die Behauptung, es gehe darum, „wer die Wissenschaft kontrolliert", generalisiert den Einzelfall zur Systembehauptung.



Bereits bestehende Verschwörungsfantasien rund um den Terroranschlag des 11. Septembers 2001 werden mit neuen antisemitischen Narrativen aufgeladen, um neue Erkläransätze für unmöglich scheinende Ereignisse zu liefern. Die Epstein-Files fungieren dabei als Hülse, die beliebig mit Verschwörungsnarrativen befüllt werden kann. Angeblich fehlende Dokumente gelten als Beleg der Vertuschung, vorhandene Fragmente als Beleg der Tat. Die Erzählung ist dadurch gegen jede Widerlegung immunisiert.



Auffällig bei der Beschreibung und Beurteilung Epsteins als Inkarnation des Bösen sind Metaphern und Symbole, die ihn als Teufel illustrieren. Solche Motive haben eine lange Tradition im Antisemitismus: Bereits im Mittelalter wurden Jüdinnen:Juden als Verbündete des Teufels oder als Verkörperung des Bösen dämonisiert. Wo Epsteins jüdische Herkunft mit diesen Darstellungen verknüpft wird, greifen die Montagen auf tradierte antisemitische Vorstellungen zurück. Der reale Kriminalfall wird dadurch aus der Sphäre justiziabler Taten in eine metaphysische Bösartigkeitserzählung überführt, die keiner Aufklärung mehr zugänglich ist.



Auch weitere dehumanisierende Zuschreibungen wie die Unterstellungen von Kindsmord, Kannibalismus oder Pädophilie dienen der Dämonisierung, reproduzieren antisemitische Stereotype und begünstigen einen Zuwachs und die Verbreitung antisemitischer Verschwörungsfantasien. Diese Motive reproduzieren den Kern der mittelalterlichen Ritualmordlegende, die Behauptung, Jüdinnen:Juden würden Kinder rauben, quälen und verzehren, in aktualisierter Form. Die rhetorische Brücke zum Krieg in Gaza überführt die Missbrauchsvorwürfe zusätzlich in eine pauschale Entmenschlichungserzählung: Wer Kinder missbrauche, dem sei auch Massenmord gleichgültig.



Der antisemitischen Umwegkommunikation über Israel entsprechend, wird der jüdische Staat häufig im Zentrum einer vermeintlichen Weltverschwörung, die mittels der Akten aufgedeckt werde, ausgemacht. Zahlbehauptungen wie „4.800+ Nennungen" suggerieren Beweisdichte durch bloße Häufigkeit. Die Deutung des gesamten Falls als „israelisches Projekt" aus Erpressung, Kinderhandel und Finanzhebeln überträgt die Verbrechen eines Einzelnen auf einen Staat und über die Chiffren auf ein imaginiertes jüdisches Kollektiv.



Die Fantasie einer Verbindung zum israelischen Geheimdienst oder zur Regierung aktiviert klassische antisemitische Stereotype von jüdischen Strippenziehern und angeblichen jüdischen Weltherrschaftsplänen. Sie stilisieren Jüdinnen:Juden zu einer übermächtigen, im Hintergrund agierenden Kraft und machen sie so zum zentralen Element verschwörungsideologischer Erzählungen. Die Meme-Förmigkeit der Beiträge durch Sitcom-Vorlagen oder ironische Bildunterschriften, banalisiert die Unterstellung und hält sie niedrigschwellig teilbar.


Hantavirus: Ein Virus als Gelegenheitsstruktur

Nachdem im April und Mai 2026 auf einem Kreuzfahrtschiff mehrere Menschen am sogenannten Hantavirus gestorben sind, mehren sich in sozialen Medien Desinformation und Verschwörungsfantasien zu Ursprung und Gefahr des Virus. Der Ausbruch fungiert als Gelegenheitsstruktur für die Verbreitung antisemitischer Ressentiments, die in ihrer Abfolge aus der Corona-Pandemie bekannt sind.


Es wird behauptet, der Ausbruch sei inszeniert und vorgeplant. Als vermeintlicher Beleg fungiert ein Tweet aus dem Jahr 2022, der als angebliches Vorwissen gedeutet wird. Analog zur Corona-Pandemie werden Personen wie Bill Gates oder George Soros als konkrete Profiteure fantasiert.



Die Behauptung, „Hanta" sei Hebräisch für „Betrug", konstruiert einen vermeintlichen Beleg für eine jüdisch-israelische Täuschung. Die Erzählung zeigt, wie beliebig das angebliche Beweismaterial sein muss. Ein frei erfundener Sprachbezug genügt, um das Deutungsmuster einer jüdischen Welttäuschung zu aktivieren.



Die Bildsprache, die jüdisch markierte Personen und israelische Politiker:innen als Ratten darstellt, steht in der Tradition antisemitischer Tier- und Schädlingsmetaphorik, die Jüdinnen:Juden parasitäre Eigenschaften zuschreibt und sie als Ungeziefer markiert. Diese Metaphorik wurde schon in der NS-Propaganda unmittelbar als vernichtungslegitimierend eingesetzt.



Eine Kontinuität von NS-Analogien wird im Material ersichtlich. Ein Meme verbindet die Rattenmetapher explizit mit einer Vernichtungsfantasie, die auf die Zahl der in der Shoah ermordeten Jüdinnen:Juden referenziert. Ein weiterer Beitrag arbeitet mit der Chiffre „271", dem geschichtsrevisionistischen Leugnungsnarrativ, wonach die Nazis 271.000 anstatt der nachgewiesenen ca. 6 Millionen Jüdinnen:Juden getötet hätten. Die Krise als Gelegenheitsstruktur führt hier in kurzer Kette von der Desinformation über die Dehumanisierung bis zur Shoah-Relativierung und -Glorifizierung. Jüdisches Leben erscheint als zu beseitigende Gefahr.


Eurovision-Song-Contest: Das Kulturereignis als Gelegenheitsstruktur

Die Boykottkampagnen gegen den ESC 2026 im Zusammenhang mit der Teilnahme Israels haben eine längere Vorgeschichte. Spätestens seit dem Wettbewerb 2019 in Tel Aviv wird Israels Teilnahme immer wieder zum Anlass für Kampagnen genommen, in denen nicht nur politische Kritik formuliert, sondern vor allem Israels kulturelle Präsenz grundsätzlich infrage gestellt wird.



Die aktuellen Boykottaufrufe knüpfen an die Boykottvergangenheit des ESC an, verschärfen sie aber weiter. Besonders seit dem Gaza-Krieg nach dem 7. Oktober 2023 wird Israels Teilnahme als grundsätzliche moralische Unmöglichkeit dargestellt. Der ESC wird dabei zunehmend als politischer Konfliktraum gelesen und ein Ausschluss Israels als einzig legitime Konsequenz gesehen. Die Meldungen über nationale Boykottentscheidungen fungieren in den Beiträgen als Erfolgsbilanz einer Kampagne, deren Ziel Dämonisierung und Ausschluss ist.



Charakteristisch ist die Ausweitung des Schuldzusammenhangs. Die EBU erscheint als Institution der Doppelmoral, das Austragungsland Österreich wird zur „Komplizin im Genozid" erklärt. Dadurch geraten nicht nur Israel, sondern alle, die eine Teilnahme ermöglichen oder das Ereignis fortsetzen, in einen vermeintlichen Schuldzusammenhang bis hin zur pauschalen Kollektivabwertung.



Neologismen wie „Genovision" und „ZioSC" codieren den Wettbewerb als vermeintlich zionistisch besetzten und genozidalen Raum. „Zio" fungiert dabei als abwertende Chiffre und Feindmarkierung. Mit dem Begriff „Artwashing" wird der ESC als Teil einer Täuschungs- und Legitimationsstrategie markiert, in der das gesamte Format als moralisch verwerflich dargestellt wird. Es wird auf klassische antisemitische Stereotype referiert, wie die kollektive Markierung von Israel als kindermordend, die an die tradierte Ritualmord- und Kindermordlegende anschließt. Zusammen mit der pauschalen Bezeichnung als „Faschisten" verdichtet sich das Bild zu einer entgrenzten Feindmarkierung. Dazu kommt eine pauschale Kollektivabwertung, indem alle verbleibenden Teilnehmenden als Teil eines moralisch verkommenen Kollektivs markiert werden. Das Kulturereignis fungiert als Gelegenheitsstruktur für die Normalisierung eines Ausschlussdenkens, das israelische – und mittelbar jüdische – Präsenz als solche zum Problem erklärt.


Fußball-Weltmeisterschaft: Das Sportereignis als Gelegenheitsstruktur

Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 zwischen Argentinien und Spanien wird in den untersuchten Beiträgen zum Anlass für antisemitische Zuschreibungen und die Konstruktion eines manichäischen Weltbilds, das die Welt in Gut und Böse unterteilt. Den beiden Nationalmannschaften werden dabei gegensätzliche politische und moralische Rollen zugewiesen. Argentinien wird aufgrund der Nähe von Präsident Javier Milei zur israelischen Regierung als vermeintlich „israelisches“ Team dargestellt und dem bösen Lager zugeordnet. Spanien wird hingegen als „palästinensisches“ Gegenlager inszeniert und mit dem moralisch Guten identifiziert. Der sportliche Wettkampf wird so zu einem symbolischen Stellvertreterkonflikt umgedeutet, in dem die Unterstützung einer Mannschaft zugleich als politische und moralische Positionierung gilt.



Die Aufforderung „Pick your side" überführt das Finalspiel in ein binäres Lagerbild eines globalen Konflikts. Die Frage, ob man ein Team unterstützt, wird zum Test moralischer Integrität, wodurch die Unterstützung für Messi beziehungsweise Argentinien moralisch an den Krieg in Gaza gekoppelt und zum Träger einer Schuld- und Komplizenschaftserzählung gemacht wird.



Im Zentrum steht die Dämonisierung Lionel Messis. Messi wird als „zionistische" Feindfigur stilisiert, der moralische Verdorbenheit, Faschismus und Genozid vorgeworfen werden. Religiös codierte Beiträge verbinden ihn mit der „Fitnah of Dajjal", einer endzeitlichen Täuscherfigur islamischer Traditionen, und behaupten, Sportstars hätten „ihre Seelen an Satan verkauft". Jüdisch markierte Akteure erscheinen als gottesfeindlich, satanistisch oder moralisch verdorben. Die Bildsprache reproduziert dabei klassische antisemitische Stereotype: KI-generierte Darstellungen versehen Messi, Milei und Netanjahu mit „jüdischen Merkmalen" und zeigen sie in händereibender Geste, einer Bezugnahme auf das tradierte Stereotyp des berechnenden, profitierenden und manipulativen Juden.



Konsequent mündet dies in eine Manipulationserzählung über den Wettbewerb selbst. Argentinien, Israel und die FIFA werden als gemeinsamer krimineller Zusammenhang dargestellt. Argentinien erscheint als „surrogate israeli team", für dessen Sieg die FIFA angeblich alles tue.



Das Bild des Marionettenspielers, der Schiedsrichter und Videobeweis steuert, referiert auf ein klassisch antisemitisches Narrativ, das auf eine verdeckte Steuerung einer im Hintergrund wirkenden Macht Bezug nimmt. Eine Karikatur, in der ein Schiedsrichter einen ägyptischen Spieler mit den Worten „GET OUT Goyim" vom Platz stellt, deutet den Begriff antisemitisch um. Es wird suggeriert, dass der Spieler nicht wegen einer Regelentscheidung vom Platz gestellt wird, sondern weil er als Nichtjude aus einem jüdisch kontrollierten Raum ausgeschlossen wird. Beiträge, die Messi und Argentinien als „zweitmeistgehasste Person und Nation der Welt" direkt hinter Israel und Netanjahu einreihen, machen die Logik explizit. Der Hass gilt der Markierung als jüdisch beziehungsweise israelverbunden und der Fußball liefert lediglich den Anlass für die Verbreitung antisemitischer Verschwörungsnarrative.


Kontinuitäten antisemitischer Deutungsmuster

Die Analyse des Online-Monitorings verdeutlicht, dass antisemitische Deutungsmuster nicht erst durch aktuelle Ereignisse entstehen, sondern an unterschiedlichste Anlässe anknüpfen können. Die vier untersuchten Anlässe unterscheiden sich hinsichtlich ihres Kontexts und ihrer Bildsprache, weisen jedoch wiederkehrende Strukturen auf. Aktuelle Ereignisse werden aufgegriffen und mit tradierten antisemitischen Narrativen von jüdischer oder israelischer Macht, Täuschung und Schuld verknüpft.


Dabei dient Israel häufig als Projektionsfläche antisemitischer Ressentiments. Im Rahmen dieser Umwegkommunikation werden klassische Stereotype wie die einer jüdischen Weltverschwörung, vermeintlicher Finanzmacht, des Kindermords oder einer verborgenen Steuerung gesellschaftlicher und politischer Prozesse aufgegriffen, ohne Jüdinnen:Juden ausdrücklich benennen zu müssen. Begriffe wie „Zio“ oder „Goyim“ werden in den untersuchten Beiträgen antisemitisch aufgeladen und dienen dazu, judenfeindliche Zuschreibungen zu transportieren. So verschwimmen die Grenzen zwischen expliziter und impliziter Judenfeindschaft.


Die Heterogenität der untersuchten Anlässe ist dabei eine zentrale Erkenntnis. Antisemitische Ressentiments sind nicht auf bestimmte Themenfelder beschränkt, sondern erweisen sich als flexibel und anschlussfähig. Für Jüdinnen:Juden bedeutet diese Dynamik, dass potenziell jedes öffentliche Ereignis zum Ausgangspunkt antisemitischer Anfeindungen werden kann.



 
 
 

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