documenta15

2.1. Erste Kritik an der Nähe zu BDS

2. Chronologie der Ereignisse

Der Antisemitismus-Skandal auf der documenta15 entstand in keinem luftleeren Raum, sondern war bereits zuvor absehbar. Am 07. Januar 2022 veröffentlichte das BgA einen Blogeintrag, in dem unter anderem auf Sympathien von Verantwortlichen und Künstler:innen der documenta15 für die antisemitische BDS-Kampagne hingewiesen wurde. Diese verfolgt die Liquidierung Israels als einzigen jüdischen Staat.


Auch die Beteiligung von Charles Esche in der Findungskommission und im documenta-Beirat wurde vom BgA kritisch gesehen. Wie sich Esche zum Boykott Israels positioniert, zeigt das Beispiel der Biennale in Sao Paulo von 2014, deren Kurator er war. Im Sommer 2014, kurz vor der Eröffnung der damaligen Biennale, entführte und ermordete die palästinensische Terrororganisation Hamas drei israelische Jugendliche und feuerte hunderte Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung ab. Als Israel mit der Bombardierung auf Raketen-Stellungen der Hamas in Gaza reagierte, unterschrieben 61 Künstler:innen der Biennale – und damit mehr als zwei Drittel – einen offenen Brief, der sich dagegen aussprach, „Geld vom israelischen Staat“ zur Finanzierung der Kunstschau anzunehmen. Der Brief beklagte eine Normalisierung Israels im Rahmen einer großen internationalen Kulturveranstaltung. Das israelische Konsulat war auf der Website der Biennale als eine von einundzwanzig Organisationen aufgeführt, die „internationale Unterstützung“ leisteten.


Esche schloss sich in seiner Funktion als Kurator dem Boykottaufruf an. Zudem zählt er zu den Unterzeichner:innen des Aufrufs „Wir können nur ändern, was wir konfrontieren“, der sich gegen die BDS-Resolution des Bundestages ausspricht. In Person von Amar Kanwar wies das BgA auf eine weitere BDS-Unterstützerin in der documenta-Findungskommission hin.


Auch im verantwortlichen Kurator:innenkollektiv ruangrupa sind mit Farid Rakun und Ade Darmawan mindestens zwei weitere BDS-Unterstützer tätig. Ade Darmawan zählt zu den Unterzeichner:innen des „A Letter Against Apartheid“, der Israel vorwirft, gezielte ethnische Säuberungen an der arabischen Bevölkerung vorzunehmen. Farid Rakun und Dan Perjovschi, der die Säulen des Fridericianums auf der documenta15 bemalte, unterzeichneten ebenfalls den offenen Brief gegen die kulturelle Förderung der Biennale 2014 durch Israel.


Das Kurator:innenteam ruangrupa arbeitet eng mit dem sogenannten Artistic Team der documenta zusammen, das aus fünf Mitgliedern besteht. Vier dieser fünf unterzeichneten offene Briefe, die sich hinter die israelfeindliche BDS-Kampagne stellen. Insgesamt sollen laut der Tageszeitung Die Welt mindestens 84 Teilnehmer:innen der documenta15 Aufrufe zum Israel-Boykott unterschrieben haben. Dabei handele es sich um 17 Mitarbeiter:innen – mit Mitgliedern aus der künstlerischen Leitung, der kuratorischen Assistenz, der Programmkoordination und dem Beirat – sowie um 67 Mitglieder der auf der documenta ausstellenden Künstler:innenkollektive.


Angesichts der zahlreichen und offenkundigen Verbindungen von involvierten Künstler:innen, Kollektiven und Verantwortlichen der diesjährigen Kunstschau zur BDS-Bewegung, zeigte sich das BgA skeptisch, ob das künstlerische Konzept geeignet sei, um offenen Antisemitismus in Exponaten zu verhindern. Auch der Vorwurf, dass jüdische und israelische Künstler:innen auf der documenta15 unterrepräsentiert seien, konnte durch die Verantwortlichen nicht ausgeräumt werden. In Reaktion auf die Kritik wurde dem BgA damit verbunden schon früh vorgeworfen, es würde aus rassistischen Motiven Menschen aus dem „Globalen Süden“ unter einen Antisemitismus-Generalverdacht stellen. Dem aufkommenden öffentlichen Druck begegnete die Leitung der documenta15 mit der Planung einer Diskussionsreihe, die unter das Motto gestellt wurde „We need to talk! Art – Freedom – Limits“. Obwohl im Mittelpunkt der Gesprächsreihe „das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie“ stand, schloss das Podium den Dachverband der jüdischen Gemeinschaft als Betroffene nicht ein, was Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, öffentlich kritisierte. Daraufhin wurde die Gesprächsreihe letztlich abgesagt. Man wollte die Ausstellung für sich sprechen lassen, was diese in der Konsequenz auch durchaus unmissverständlich tat.

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