documenta15

1.3. Auschwitz on the Beach

1. Skandale der Vergangenheit

Auf der documenta14 sollte im August 2017 an drei Tagen die Performance „Auschwitz on the Beach“ präsentiert werden, die den Vortrag eines Gedichts des italienischen Künstlers Franco „Bifo“ Berardi zum Inhalt hatte. In dem Gedicht vergleicht der Künstler Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern und das Salzwasser des Mittelmeers mit dem Giftgas Zyklon B. Der industrielle Massenmord an Jüdinnen:Juden während des Zweiten Weltkriegs wird mit der Verweigerung der Aufnahme und Rettung von aus dem Süden nach Europa fliehenden Menschen gleichgesetzt. Die Jüdische Gemeinde Kassel, das Internationale Auschwitz Komitee, sowie zahlreiche andere Kritiker:innen zeigten sich betroffen und machten auf die Relativierung der Shoah aufmerksam. Im Zuge dessen entflammte eine hitzige Debatte, in der sich nicht nur der Künstler selbst, sondern auch der Kurator der öffentlichen Programme, Paul B. Preciado, schützend vor die geplante Performance stellte. Preciado sah die Stärke der Performance gerade darin, dass sie mit den Mitteln der Kunst eine kritische Debatte anstoße, die sonst nicht geführt werden könne. Der Künstler nutze das „unberührbare Wort Auschwitz“, um das Gewissen der Europäer:innen in Bezug auf ihre Flüchtlingspolitik zu wecken.


Die zunehmende öffentliche Kritik führte schließlich zur Absage der Veranstaltung und Preciado entschuldigte sich, indem er betonte, dass die documenta denjenigen, die sich vom Gedicht angegriffen fühlten, keinen Schmerz zufügen wolle. Dennoch wollte man weder die Vorwürfe akzeptieren, noch den durch das Gedicht angeregten „kritischen Dialog“ aufgeben und inszenierte stattdessen eine Alternativveranstaltung mit dem Titel „Shame on us“. Auf dieser sollte über das Gedicht und die Singularität der Shoah debattiert werden. Berardi selbst verteidigte die Performance, indem er behauptete, sein Gedicht versuche, „einen Weg aus dem Abgrund [zu]finden, in den uns der Finanzkapitalismus und der Nationalsozialismus gebracht haben“.


Auch wenn sich die Organisator:innen sowie der Urheber des Gedichts entschuldigten, offenbarte der Skandal um die Performance „Auschwitz on the Beach“ das mangelnde Verständnis bezüglich des dem Nationalsozialismus und der Shoah zugrundeliegenden Antisemitismus. Auf dem Rücken von Betroffenen von Antisemitismus wurde die Shoah Mittel zum Zweck, um unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit geschichtsrevisionistische Debatten zu führen.

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