Verschwörungsmythen und rechtspopulistische Tiraden: “Montagsdemonstration” am 12.04.2021 in Berlin


Zum zweiten Mal fand am 12.04.2021 in Berlin unter dem Motto “Es reicht! Für Meinungsfreiheit” eine verschwörungsideologisch orientierte “Montagsdemonstration” statt. Ab 15 Uhr versammelten sich vor dem Brandenburger Tor ca. 200 Personen, um die Reden mehrerer Aktivisten, darunter Thorsten Schulte und Heinrich Fiechtner, zu hören. Zur Kundgebung aufgerufen hatte der ehemalige Investmentbanker und verschwörungsideologische YouTuber Thorsten Schulte, der auch als Moderator und Organisator auftrat. Die “Montagsdemonstrationen” werden laut Schulte durch seine Partei „Die Direkte“ mitfinanziert, für die auf der Veranstaltung ebenso geworben wurde wie für Schultes im rechtsesoterischen Kopp-Verlag erhältliches Buch “Fremdbestimmt”.


Querfront


Wie bereits die sogenannten “Mahnwachen für den Frieden” von 2014 besitzen die von Schulte organisierten “Montagsdemonstrationen” den Charakter einer Querfront. Die Veranstaltungen, die an allen Montagen im April und Mai 2021 stattfinden sollen, seien, so Schulte, offen für alle, egal ob links oder rechts. Prominenter Redner auf der Kundgebung am 05.04.2021 war der Chefredakteur des rechtsextremen “Compact”-Magazins, Jürgen Elsässer. Anwesend war an diesem Tag auch der Hallenser Rechtsextreme Sven Liebich. Anselm Lenz, Mitbegründer der dem Selbstbild nach linken “Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand” und Mitinitiator der sogenannten “Hygiene-Demonstrationen” in Berlin, wurde von Schulte wiederholt als Redner angekündigt, trat bisher jedoch nicht auf. Auch der wegen Holocaustleugnung verurteilte Rechtsextreme Nikolai Nerling wurde von Schulte eingeladen, auf den “Montagsdemonstrationen” zu sprechen unter der Bedingung, dass er sich gleichermaßen vom “Tyrannen Hitler” wie vom “Tyrannen Stalin” distanziert.


Heinrich Fiechtner als Redner vor dem Brandenburger Tor

“Finanzkonzerne beherrschen uns auf der Welt”: Zahlreiche Verschwörungsmythen in Reden


Hauptredner am 12.04. waren Thorsten Schulte und Heinrich Fiechtner. Während Schulte in einer seiner Reden die Verschwörungserzählung verbreitete, John F. Kennedy sei ermordet worden, weil er alles unternommen habe, “um die Verschwörungen auf diesem Planeten zu beenden”, wetterte der ehemalige AfD-Politiker Heinrich Fiechtner in populistischer Weise gegen Bundestagsabgeordnete als “Schergen der Demokratie”, die durch ihre Politik Krisen in Deutschland verursachten. Der baden-württembergische Arzt stellte zudem eine Nähe zwischen der aktuellen Anti-Corona-Politik und der mörderischen Politik der Nazis Anfang der 1930er Jahre her.

Geronimo Poggio (links) und Thorsten Schulte auf der Bühne

Weitere Redner waren unter anderem die Aktivisten Dario Reeck, Arthur Helios und Geronimo Poggio. Dario Reeck rief dazu auf, das “Hexenhaus” Bundestag mit einer Millionen Menschen zu erstürmen. Dass ein solcher Massenprotest bisher ausbleibe, liege daran, dass es “vielen Menschen in Deutschland noch zu gut” gehe. Er sprach sich außerdem gegen eine Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen aus, indem er sagte, dass die Deutschen noch 76 Jahre nach dem Nationalsozialismus in ein “Schuldkleid” geboren würden. Von Rechtsextremen wird die Erinnerung an die NS-Verbrechen häufig als “Schuldkult” bezeichnet.


Ein weiterer Redner erklärte, dass nicht medizinische Masken, sondern “Gurgeln” gegen die Ausbreitung des Corona-Virus effektiv helfe. Einig waren sich die Redner:innen darin, dass die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie überzogen seien und sich hinter ihnen dunkle Absichten verbergen würden. Dementsprechend äußerte sich ein Redner: “Wir leben in keiner Demokratie mehr, wir leben in einer beherrschten Macht von Finanzkonzernen”. Und weiter: “Finanzkonzerne beherrschen uns auf der Welt”. Seine antisemitische Aussage, dass „jüdische Familien“ die Finanzindustrie beherrschen würden, blieb auf der Demonstration unwidersprochen.


Unter den Teilnehmer:innen befanden sich auch Anhänger:innen der QAnon- und Reichsbürger-Bewegung

Feindbild Presse


Auch die Presse fungierte auf der Veranstaltung als Feindbild. So wurde ein anwesender Journalist von einem Redner von der Bühne gezielt angegangen. Daraufhin bewegte sich eine Gruppe von Demonstrant:innen in Richtung des Pressevertreters, der sich daraufhin zum eigenen Schutz hinter die Reihen der anwesenden Polizei zurückziehen musste und so an seiner Arbeit behindert wurde.


Diverse Teilnehmer:innen trugen auf der Veranstaltung keinen oder nur einen offensichtlich ungeeigneten Mund-Nasen-Schutz. Einzelne Demonstrant:innen trugen Symbole der Pro-Trump- und QAnon-Bewegung. Ein Mann mit einer Pro-Trump-Basecap präsentierte ein Plakat mit der Aufschrift “Impfungen = Toxische Chemikalie = Völkermord”. Seine Begleiterin zeigte ein Schild, auf dem unter anderem von “Bevölkerungsreduktion”, “Sklaverei”, “Kinderhandel”, “Abschaffung der Familie” und “NWO” (Kürzel für “New World Order”) die Rede war - Narrative aus dem Repertoire antisemitischer Verschwörungsideologien. Anwesend waren zudem Mitglieder der Berliner Reichsbürger-Szene sowie der antizionistische Aktivist Martin Lejeune und der Aktivist der Berliner “Corona-Demonstrationen” Michael Brendel, der als “Captain Future” bekannt ist. Gegen 18:30 Uhr hatte sich die Teilnehmer:innenzahl bereits deutlich verringert. Nichtsdestotrotz kündigte Organisator Thorsten Schulte an, bis 21 Uhr demonstrieren zu wollen. Die “Montagsdemonstrationen” sollen an allen Montagen im April und Mai 2021 stattfinden.

Ein Mann setzte Impfungen mit Völkermorden gleich. Die umgedrehte Deutschland-Flagge deutet auf eine Nähe zur Reichsbürger-Bewegung hin.


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