"Bombenholocaust" & "The White Race": Neonazis marschieren in Dresden am 13. Februar 2022

Aktualisiert: 15. Feb.


Als sich um kurz nach 12 Uhr die anvisierte Formation mit Vierer-Reihen am Bahnhof Dresden Mitte aufgestellt hatte, zeigte sich bereits gleich zu Beginn, dass geschichtsvergessene Narrative auch den diesjährigen 13. Februar 2022 prägen würden. Ganz vorne mit dabei: Lennart Schwarzbach. Der Vorsitzende der Hamburger NPD war es, der gemeinsam mit zwei weiteren Personen das Fronttransparent mit der Aufschrift “Dresden `45 – Massengrab…und die Mörder bomben weiter…! ” am Kopf des ungefähr 800 Personen umfassenden Aufmarsches trug. Schon die Personalie Schwarzbach zeigt: Das Event in der sächsischen Landeshauptstadt ist von bundesweiter Bedeutung für die rechtsextreme Szene.

Im Vorfeld hatten verschiedene Organisationen und Einzelpersonen dazu aufgerufen sich dem Aufmarsch anzuschließen. Beteiligt waren unter anderem einschlägig rechtsextreme Parteien: die NPD und ihre Nachwuchsorganisation die Jungen Nationalisten, Die Rechte, Der III. Weg (III. Weg) oder die Neue Stärke Partei (NSP). Viele junge Rechtsextremisten, die in Teilen der sog. Division MOL zuzuzählen sind, befanden sich unter den Teilnehmenden. Auffällig war zudem, dass sich mit der NSP und dem III. Weg zwei eigentlich zerstrittene Parteien, bzw. Splittergruppen an ein und derselben Veranstaltung beteiligten. Dieser Umstand spiegelt ebenfalls den hohen Stellenwert des Events für die Szene wider.

Auch das rechtsextreme Compact Magazin um Jürgen Elsässer hatte zuvor für das Gedenken geworben und dabei auf eine schon im Jahr 2020 veröffentlichte Sonderausgabe mit dem Titel “Dresden 1945: Die Toten, die Täter und die Verharmloser” verwiesen, die sich Interessierte am Lautsprecherwagen in Dresden abholen konnten.


Jahr für Jahr erschafft sich die rechtsextreme Szene im Februar einen Opfermythos, stets geprägt durch Holocaustrelativierungen, wonach bspw. die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten schlimmer gewesen sei, als die Verbrechen der Nazis. Nicht nur antisemitische Chiffren zeigen sich in dieser Selbstinszenierung, sondern insbesondere auch der Versuch eine Gedächtniskonkurrenz gegenüber den Opfern des Holocausts zu erreichen. Zuletzt berichteten wir vom Aufmarsch der NSP anlässlich der Bombardierung Magdeburgs, wo seit einigen Jahren die dortigen Akteure ebenfalls versuchen einen ähnlich wirkungsvollen Opfermythos am Jahrestag zu etablieren.


Seit den späten 1990er Jahren inszeniert die Neonaziszene in Dresden das Gedenken zum Jahrestag der Bombardierung durch alliierte Luftstreitkräfte vom 13.-15. Februar 1945 für ihre Zwecke. Fast ebenso lange sind sich die Gruppierungen uneins und versuchen jeweils die Ausrichtung des Gedenkens zu steuern. Wie beschrieben beteiligten sich auch dieses Jahr Personen und Organisationen aus dem ganzen Spektrum der extremen Rechten.

Auf parlamentarischer Ebene wird durch die AfD ein vermeintlich bürgernahes Gedenken propagiert, das jedoch den Geschichtsrevisionismus und so eine Schuldumkehr impliziert: In der Vergangenheit wurde bspw. durch Tino Chrupalla basierend auf falschen Zahlen von “Bombenterror” gesprochen. Zum diesjährigen Trauermarsch riefen mehrere AfD-Parteimitglieder zur Beteiligung auf. Am Morgen legten Parteimitglieder zum Auftakt Kränze am Dresdner Heidefriedhof ab. Am Abend wird die Partei eine eigene geschichtsrevisionistische “Gedenkkundgebung” in der Dresdner Innenstadt abhalten.


Das Festhalten am Opfermythos der Stadt Dresden hat mehrere Effekte: Neben Selbstinszenierung und Vernetzung der extremen Rechten, führt jeder weitere Aufmarsch zur Diskursverschiebung und bietet offenem Antisemitismus und Holocaustrelativierung eine Bühne. Dass Dresden 1945 weiterhin als “Erinnerungsort” der extremen Rechten fungiert, verstetigt die “Opferidentität” der Stadt und nivelliert und bedroht weiter das Gedenken an den Holocaust und Nationalsozialismus. Das in Teilen als “Pflichttermin” (Freie Sachsen) bezeichnete Event erfüllt vor allem den Zweck eines Vernetzungsevents der extremen Rechten, das vor allem Antisemitismus und Holocaustrelativierung produziert.


Anmelder des diesjährigen Aufmarsches war Lutz Giesen, der somit den langjährigen Anmelder Maik Müller ablöste. Giesen, Neonazikader und verurteilt wegen Volksverhetzung, ist bekannt für seine Beteiligung an neonazistischen Gedenkenmärschen, bspw. an Rudolf Hess-Gedenkmärschen - Zudem ist er Teil des neuen völkischen Siedlernetzwerks in Leisnig.

Das oben genannte Fronttransparent stellte die Bombardierung Dresdens in eine Reihe mit den zivilen Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs sowie vergangener Jahre. Der Beisatz “und die Mörder bomben weiter” bezieht sich auf die ehemaligen Alliierten Streitkräfte, vornehmlich NATO-Partner und insbesondere die USA und versucht den damaligen Einsatz mit Einsätzen in diesem Jahrtausend in Verbindung zu setzen. Hier wird der Antiamerikanismus der Aufmarschteilnehmer:innen besonders deutlich. Ein weiteres Transparent, das nach Prüfung durch die Staatsanwaltschaft nicht entfernt werden musste, trug die Aufschrift: “Bombenholocaust”. Diese Täter-Opfer-Umkehr sowie Relativierung des Holocaust ist beispielhaft für den deutschen Opfermythos. Zahlreiche Teilnehmer:innen trugen einschlägige, teils verbotene, rechtsextreme Symbole. Ein Ordner trug eine Kappe mit der Beschriftung “The White Race” (“Die weiße Rasse”).

Zur Abschlusskundgebung wurden über eine längere Zeit deutsche Städte vorgelesen, die durch die Alliierten angegriffen wurden - stets einhergehend mit einer kontinuierlichen Schuldabkehr. Zu keinem Zeitpunkt wurde über die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen gesprochen. Einer der Redner, Sven Skoda (Die Rechte), sprach unter anderem von "Marionetten der Geschichtsschreibung" und stellte damit verbunden die korrekte Überlieferung von Opferzahlen im Zusammenhang des Nationalsozialismus in Frage.

Sven Skoda (Die Rechte)

Mit Fackeln und Blumenkränzen ausgestattet, mit sich ähnelnder Kleidung in gedeckten Tönen, mehreren Reichsfahnen, versuchen die Beteiligten in ihrer Inszenierung der Bildsprache und Symbolik des NS-Heldengedenkens zu gleichen. Durch diese Imitation des NS-Totenkult stellen sich die Teilnehmer:innen in eine Reihe mit den Nationalsozialist:innen. Und sie stellen die deutsche Bevölkerung, die dem NS-Regime bis zur Kapitulation und darüber hinaus treu war, als das eigentliche Opfer dar.


Nach Abschluss der Veranstaltung schlossen sich manche der Teilnehmer:innen einem nicht angemeldeten verschwörungsideologischen Aufmarsch in Dresden Laubegast an. Laut Twittermeldung des Bündnis Dresden Nazifrei wollten sich andere Teilnehmer:innen dem bürgerlichen Gedenken an der Frauenkirche anschließen. Während sich wieder andere am “Stillen Ge(h)denken” der Heidenauer Wellenlänge beteiligten. Eine rassistische, selbsternannte “Bürgerinitiative”, die vor allem gegen Asylpolitik agitiert, im Jahr 2015 entstand und aktuell Kontakte zum Dresdner Querdenken-Ableger pflegt.


An zahlreichen Standorten in der Stadt gab es im Laufe des Tages Gegendemonstrationen und -kundgebungen von antifaschistischen Bündnissen, die dem geschichtsrevisionistischen Aufmarsch entgegenhielten und versuchten ein Zeichen gegen deren Holocaustrelativierung zu setzen.