“Nakba”-Demonstrationen : sinkende Teilnehmerzahlen, zunehmende Radikalisierung
- 20. Mai
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Analyse der Versammlungen in Hamburg und Berlin vom 16. Mai 2026

Am 16. Mai 2026 fanden in Berlin und Hamburg Demonstrationen anlässlich des sogenannten Nakba-Gedenkens statt, die trotz unterschiedlicher Dynamik auf einen gemeinsamen politischen Zusammenhang verweisen. Unter Nakba wird gemeinhin die Vertreibung und Flucht zahlreicher Araber (später: Palästinenser) im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 verstanden, der dem nach der vom Völkerbund abgesicherten Staatsgründung noch jungen jüdischen Staat von sechs arabischen Nationen aufgenötigt wurde. Besonders auf Demonstrationen zum Gedenken der Nakba wird allerdings ein anderes, sehr einseitiges Bild erzeugt, was klare Freund-Feind-Bestimmungen zulässt. Auch die Vertreibung der arabischen Juden findet dort keine Erwähnung.
In beiden Städten zeigte sich ein Protestmilieu, in dem antizionistische Mobilisierung, moralisch aufgeladene Feindbildkommunikation und die obsessive Abwehr des Antisemitismusvorwurfs eng ineinandergriffen. Israel erschien dabei nicht als konkreter politischer Akteur unter anderen, sondern wurde zum Symbol eines grundsätzlich illegitimen, moralisch absolut verwerflichen und deshalb zu bekämpfenden Kollektivs. Gerade diese totalisierende Feindbildkonstruktion ist für die antisemitismuskritische Einordnung zentral. Auffällig wardabei eine gegenläufige Entwicklung: Während die Teilnehmerzahlen hinter den Erwartungen zurückblieben, radikalisierten sich Parolen, Symbole und Auftreten weiter. Gerade in Hamburg hatten die Organisatoren rund zehntausend Teilnehmer angemeldet und mit noch mehr gerechnet. Tatsächlich blieb die Beteiligung deutlich darunter. Auch die Berliner Demonstration schrumpfte im Vergleich zu vergangenen Jahren spürbar und erreichte keine Größenordnung, die auf eine breitere gesellschaftliche Ausweitung dieses Milieus hindeuten würde. Damit wird ein Protestzusammenhang sichtbar, der zahlenmäßig an Zugkraft verliert, sich in seinen Ausdrucksformen zugleich aber weiter zuspitzt.
In Hamburg führte die Demonstration unter dem Motto „Stop Nakba now“ von den Landungsbrücken durch die Innenstadt bis zur Moorweide. Nach vorliegenden Beobachtungen nahmen rund 1.500 Personen teil. Andere Schätzungen lagen sogar darunter. Die Veranstaltung war über weite Strecken ritualisiert, in ihren Abläufen erwartbar und in ihrer politischen Symbolik einschlägig bekannt. Prägend waren das Siedlerkolonialismus-Narrativ, antizionistische Parolen wie „Alle zusammen gegen den Zionismus“ und die wiederholte rhetorische Selbstentlastung, man habe nichts gegen Jüdinnen und Juden, sondern nur gegen Israel oder Zionismus. Genau in dieser Konstruktion liegt jedoch ein zentrales Problem: Der Antisemitismusvorwurf wird formal zurückgewiesen, während zugleich jüdische Selbstbestimmung in Form eines eigenen Staates delegitimiert wird. Der Begriff des Antizionismus ermöglicht den Teilnehmenden die Existenz Israels grundsätzlich zu verneinen und bietet gleichzeitig Entlastung gegenüber dem Antisemitismusvorwurf. In dieser Form wird sich zum Antisemitismus nicht offen bekannt, er wird jedoch in israelbezogener Form artikuliert und normalisiert.
Besonders aufschlussreich war in Hamburg der visuelle und symbolische Rahmen der Demonstration. Das häufig verwendete Schlüsselsymbol gehört seit langem zum ikonographischen Repertoire israelfeindlicher Mobilisierung und fungiert in vielen Kontexten nicht nur als Erinnerungszeichen - es steht für die verlassenen Häuser -, sondern als Chiffre für eine politische Ordnungsvorstellung, in der jüdische Souveränität in Israel keinen legitimen Platz mehr hat und alle Palästinenser zurückkehren können.

Hinzu kam die omnipräsente Flagge des islamischen Regimes im Iran. Sie ist nicht als beiläufiges Detail zu verstehen. Wenn auf einer Demonstration gegen Israel in großer Dichte die Fahne eines Regimes gezeigt wird, dessen Staatsdoktrin maßgeblich in der Vernichtung Israels besteht, verweist dies auf einen politischen Bezugsrahmen, in dem Antizionismus, Antisemitismus und Feinbestimmung eng zusammenlaufen. Die sichtbare Bezugnahme auf das iranische Regime steht daher für die Nähe zu einem politischen Lager, das Israels Existenz grundsätzlich bestreitet. Dies wurde ebenso durch ein Banner mit dem Konterfei Leila Khaled deutlich. Khaled ist nicht einfach eine beliebige Symbolfigur des arabisch-palästinensischen Nationalismus. 1969 war sie an der Entführung eines Flugzeugs und 1970 am Versuch, El-Al-Flug 219 zu entführen, beteiligt; sie ist prominentes Mitglied der PFLP, einer Organisation, die in der EU seit 2002 als Terrororganisation gelistet ist. Wenn eine solche Figur zur Ikone erklärt wird, ist die Botschaft deutlich: Der bewaffnete Kampf gegen israelische und jüdische Zivilisten soll als probates Kampfmittel dargestellt werden. In diesem Sinn ist das Khaled-Banner kein randständiges Detail, sondern wesentlich für ein Milieu, in dem antisemitische Gewalt als „Widerstand“ gefeiert wird.

Die Verbrennung einer Israel-Fahne war in Hamburg mehr als eine bloße Provokation am Rande. Das Verbrennen von Staatsflaggen ist eine symbolische Handlung, mit der ein Gemeinwesen demonstrativ herabgewürdigt und zurückgewiesen wird. Im Fall Israels kommt hinzu, dass die Fahne nicht nur für einen Staat steht, sondern auch für die kollektive Selbstbestimmung von Jüdinnen und Juden. Wer sie in einem antizionistischen Protestkontext verbrennt, richtet sich daher nicht nur gegen konkrete Regierungspolitik, sondern gegen die Existenz Israels selbst. Gerade in Verbindung mit Parolen und Narrativen, die Israel dämonisieren und seine Legitimität abstreiten, ist eine solche Handlung als Ausdruck israelbezogenen Antisemitismus einzuordnen. Zwar blieb die Hamburger Demonstration insgesamt eher im Modus ritualisierter Mobilisierung als in offener Eskalation, gleichwohl zeigte sich vor dem Rathaus beim Passieren einer Gegenkundgebung, wie schnell dieses Milieu sich sehr aggressiv verhalten kann. Dort reagierten Teile des Aufzugs sehr emotional auf Gegenprotestierende. Die Polizei musste die Gruppen trennen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient in Hamburg zudem der Endpunkt der Demonstration. Diese endete am „Palästina-Camp“ auf der Moorweide, das eigens im Zusammenhang mit der Aktionswoche und der bundesweiten Demonstration eingerichtet worden war. Nach Medienberichten campierten dort zeitweise etwa 50 Aktivistinnen und Aktivisten. Politisch ist die Moorweide nicht neutral. Das westliche Ende der Moorweide, heute als „Platz der jüdischen Deportierten“ markiert, diente in der NS-Zeit als Sammelstelle für Deportationen; an diesem zentralen und einsehbaren Ort wurden Jüdinnen und Juden sowie andere Verfolgte des NS zusammengetrieben, bevor sie in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die Jüdische Gemeinde Hamburg kritisierte das Camp deshalb scharf und bezeichnete es als nicht hinnehmbar sowie als zynische Verhöhnung der Opfer der Schoa. Auch wenn Gerichte das Camp versammlungsrechtlich zuließen, bleibt die politische und erinnerungskulturelle Kritik an der Wahl dieses Ortes davon unberührt. Gerade in einem Protest, in dem Israel dämonisiert wird, erhält die symbolische Besetzung eines solchen Ortes eine zusätzliche Schärfe. Sie wirkt nicht zufällig, sondern als kalkulierte Aufladung eines historisch belasteten Raums.

Die Berliner Demonstration zeigte dieselbe politische Grundstruktur, aber in schärferer und offen radikalisierter Form. Auch dort war die Flagge des islamischen Regimes im Iran omnipräsent. Es war vordergründig eine Sprache anzutreffen, in der Israel zum absoluten Feindbild stilisiert wurde. Parolen wie „Kindermörder Israel“, „Babymörder Israel“, „Israel verbrennt Kinder“ oder „Frauenmörder Israel“ stellen keine Analyse, sondern eine pauschale moralische Dämonisierung dar. Israel erscheint darin nicht als politischer Akteur, sondern als entgrenzte Verkörperung des Bösen. Gerade diese Totalisierung ist für israelbezogenen Antisemitismus zentral: Der konkrete Konflikt im Nahen Osten verschwindet hinter einem geschlossenen Feindbild, das keinerlei Ambilvalenzen mehr zulässt. Antisemitismus zeigt sich hier nicht notwendig in klassischer und expliziter Judenfeindschaft, sondern in der Dämonisierung des jüdischen Staates und in der Bestreitung seiner Legitimität.
An diese Dämonisierung schloss in Berlin eine deutlich konkretere Gewaltrhetorik an. „Yallah Intifada“ und „Intifada bis zum Sieg“ waren nicht bloß randständige Rufe, sondern Ausdruck eines Milieus, in dem militante Gewaltaufrufe und die positive Bezugnahme auf gewaltsame Konfrontation identitätsstiftend wirken. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang, dass Rufe wie „Death to the IDF“ nach vorliegender Beobachtung massenhaft zu hören waren. Damit geht der Protest über aggressive Feindmarkierung hinaus und nimmt die Form eines kollektiv getragenen Gewaltwunsches an. Wenn Todeswünsche nicht vereinzelt bleiben, sondern von größeren Teilen der Demonstration mitgetragen werden, verweist das auf eine politische Enthemmung, in der Gewalt nicht nur symbolisch aufgerufen, sondern als legitime Konsequenz der eigenen Weltsicht gilt. Dass es in Berlin zugleich zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, bei denen Pfefferspray eingesetzt wurde, unterstreicht diese Eskalationsdynamik zusätzlich. Die dokumentierten Behinderungen der Presse zivilgesellschaftlicher Beobachtung ergänzen dieses Bild. Schon die Anwesenheit von Journalist:innen, die nicht zur Demonstration gehörten, wurde in Teilen des Aufzugs offenbar als etwas begriffen, das behindert und unterlaufen werden müsse.

Gerade im Vergleich der beiden Demonstrationen wird damit ein allgemeineres Muster sichtbar. Die Mobilisierungsfähigkeit des palästinasolidarischen Milieus scheint begrenzter zu werden. Die erwartete Massenwirkung blieb aus, obwohl bundesweit mobilisiert wurde und die Veranstalter gerade in Hamburg auf deutlich höhere Zahlen gesetzt hatten. Zugleich nimmt die Radikalität der Ausdrucksformen nicht ab, sondern eher zu. Wo größere gesellschaftliche Resonanz ausbleibt, verdichten sich Feindbilder, Gewaltparolen und identifikatorische Bezüge auf militante Symbolfiguren. Das verweist auf eine politische Dynamik, in der zahlenmäßige Schwäche nicht zu Mäßigung führt, sondern zu ideologischer Zuspitzung.
Beide Demonstrationen lassen sich deshalb nicht als bloßer Ausdruck legitimer Kritik an israelischer Politik einordnen. Vielmehr wurde Israel in einer Weise adressiert, die Delegitimierung, Dämonisierung und Gewaltbezug miteinander verbindet und damit antisemitische Muster klar erkennen lässt. In Hamburg zeigte sich dies in stärker ritualisierter, symbolisch aufgeladener und erinnerungspolitisch provokativer Form. In Berlin machte sich dieselbe Struktur in aggressiverer, enthemmterer und offener eskalierender Weise sichtbar. Die Verbindung aus sinkender Reichweite und wachsender Radikalität spricht dafür, dass sich Teile dieses Protestmilieus nicht öffnen, sondern weiter verhärten.
(Redaktion JFDA e.V.)



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