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„Keine Unterwerfung"? Der Khomeinismus hinter dem Berliner Aschura-Marsch

  • vor 1 Stunde
  • 6 Min. Lesezeit

Unser erster Beitrag zum Aschura-Marsch des Netzwerks „Hayhat" am 27. Juni 2026 hat das Ereignis selbst dokumentiert: die Route durch das historische und politische Zentrum Berlins, die betont moderne Selbstdarstellung im Vorfeld, die zur Schau gestellten Porträts sowie die verstörende Inszenierung gefesselter Kinder. Dieser Folgebeitrag fragt nicht mehr, was geschah, sondern welche ideologische Struktur sich darin ausdrückt. Denn die Symbolik des Marsches erschließt sich erst, wenn man das politisch-theologische Fundament kennt, auf das sie verweist.


Teilnehmer trägt ein Khamenei-Plakat mit der Aufschrift: "Zu Diensten, oh Khamenei" (eig. Übers.)
Teilnehmer trägt ein Khamenei-Plakat mit der Aufschrift: "Zu Diensten, oh Khamenei" (eig. Übers.)

Theokratisches Fundament: Velayat-e Faqih


Die im Bericht dokumentierten Porträts Ali Chameneis und Hassan Nasrallahs sind kein bloß symbolischer Aktivismus. Sie verweisen auf das theokratische Fundament des schiitischen Islamismus: den Chomeinismus. Im von Ayatollah Ruhollah Chomeini eingeführten Regierungssystem der Velayat-e Faqih, der „Herrschaft des Rechtsgelehrten", manifestiert sich der Anspruch des iranischen Regimes, religiöse und politische Autorität über Schiitinnen und Schiiten weit über die Grenzen Irans hinaus zu sein. Der oberste Rechtsgelehrte – heute Modschtaba Chamenei als sogenannter Revolutionsführer – wacht in diesem System über die Einhaltung der schiitisch-revolutionären Ziele des Irans und ist in dieser Funktion dem Parlament übergeordnet. In dieser Funktion ist er ebenso damit betraut, zu verhindern, dass Kräfte innerhalb des Staates diesen Rahmen verlassen und diese (auf vielfältige Weise) zu bekämpfen. Das gesamte politische System des Iran ist damit so zugeschnitten, dass alle Institutionen eine bestimmte Funktion in der revolutionären Ausrichtung des Systems spielen. Es handelt sich also nur dem Namen nach um eine Republik, da es nur innerhalb dieses Rahmens politischen Pluralismus gibt und die Institutionen sich nicht gegenseitig kontrollieren, sondern eine religiöse Institution über die Einhaltung und Richtung der Herrschaft bestimmt. Diese Richtung wird mittels der Revolutionsgarden Pasdaran ins Ausland projiziert, wofür zum Beispiel die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen Beispiele sind. 

Wer auf Berliner Straßen sein Bild trägt, drückt damit keine bloße religiöse Verehrung und keine allgemeine politische Präferenz aus, sondern bezieht sich demonstrativ auf dieses Herrschaftsmodell, das religiöse Pflicht und Loyalität gegenüber einem islamistischen Staatsprojekt miteinander verschränkt. Der Marsch erscheint vor diesem Hintergrund nicht als bloße religiöse Veranstaltung, sondern stellt einen Teil dieses transnationalen Herrschaftsanspruchs dar.


Teilnehmer des Aschura-Marsches mit Bilder der islamistischen Ikonen
Teilnehmer des Aschura-Marsches mit Bilder der islamistischen Ikonen

Ein Name als Programm und Widerspruch


Bereits die Selbstbenennung des Netzwerks verweist auf diesen ideologischen Kern. „Hayhat" ist die Kurzform des arabischen Ausrufs „Hayhat minna adh-dhillah", der in der schiitischen Überlieferung Imam Husain in der Schlacht von Kerbela zugeschrieben wird und sinngemäß mit „Fern von uns die Erniedrigung" oder „Niemals Unterwerfung" übersetzt wird. Die Formel steht für die Weigerung, sich der Tyrannei zu beugen – für Würde, Widerstand und aufrichtiges Bekenntnis angesichts der Übermacht. Genau in dieser Bedeutung ist sie anschlussfähig an eine emanzipatorische, antikoloniale Sprache: Sie klingt nach Selbstbehauptung der Unterdrückten.

Analytisch betrachtet liegt hier jedoch ein aufschlussreicher Widerspruch. Das Netzwerk mobilisiert eine Losung der Unterwerfungsverweigerung, um sich auf eine Ideologie zu berufen, deren Kern eine Unterwerfungsforderung ist. Die Velayat-e Faqih verlangt die vorbehaltlose Gefolgschaft gegenüber dem Rechtsgelehrten; sie kennt keinen legitimen Zweifel an dessen Autorität. Der Widerstand, den die Losung beschwört, richtet sich mithin nicht gegen jede Herrschaft, sondern ausschließlich nach außen – gegen die als „Tyrannei" markierten Feinde, allen voran die USA, Israel sowie Jüdinnen und Juden. Nach innen fordert dieselbe Ideologie die bedingungslose Unterordnung unter einen autoritären Staat.

Die Märtyrererzählung leistet dabei die entscheidende Umdeutung: Sie überführt Gehorsam gegenüber dem Regime in die Selbstwahrnehmung heroischen Widerstands. Wer sich unterwirft, kann sich selbst nicht als Unterworfener, sondern als Erbe Husains wahrnehmen. „Keine Unterwerfung" wird so nicht zum Bruch mit autoritärer Herrschaft, sondern zu ihrem emotionalen Antrieb. Der Name des Netzwerks ist damit weniger Etikettenschwindel als präzise Chiffre: Er bündelt die Selbstinszenierung als Widerstandsbewegung und die tatsächliche Funktion als Vorfeld eines Herrschaftsanspruchs in einem einzigen Begriff.

Dass Gruppierungen wie „Hayhat" in dieser Form in Berlin auftreten, gewinnt vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Sicherheitspolitik an Brisanz. Nach dem Verbot (Juli 2024) des Islamischen Zentrums Hamburg, Trägerverein der „Blauen Moschee", das über Jahrzehnte als wichtige ideologische und organisatorische Struktur des Teheraner Regimes galt, ist ein institutionelles Vakuum entstanden. Seither lässt sich eine stärkere Dezentralisierung entsprechender Strukturen beobachten: Statt über etablierte Großinstitutionen wird ideologische Mobilisierung zunehmend über kleinere Netzwerke, lose Zusammenschlüsse und Social-Media-Kanäle organisiert.

In diese Entwicklung fügt sich „Hayhat" ein. Die im Bericht beschriebene Doppelstrategie – potenziell anschlussfähige, niedrigschwellige Außendarstellung mit Begriffen wie „Frieden", „Menschenwürde" und „Solidarität" bei ideologisch eindeutiger Symbolik auf der Straße – ist damit nicht nur rhetorisches Muster, sondern die organisatorische Form, die an die Stelle der verbotenen Zentralinstitution IZH getreten ist. Was zuvor eine Adresse hatte, verteilt sich nun auf anschlussfähige Netzwerke.


Berliner Aschura-Marsch im Kontext der “Achse des Widerstands”


Der transnationale Anspruch, auf den die Porträts verweisen, bleibt nicht abstrakt. Das iranische Regime organisiert ein Geflecht verbündeter Akteure – die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen sowie verschiedene weitere Milizen –, die es unter der eigenen Bezeichnung „Achse des Widerstands" zusammenfasst und die sich ihrerseits als rechtmäßige Erben Husains inszenieren. Aschura fungiert in diesem Geflecht als gemeinsame Liturgie: dieselbe Märtyrererzählung, dieselbe dualistische Projektion des historischen Tyrannen Yazid auf die heutigen erklärten Feinde – von Beirut über Sanaa bis Teheran. Dies hatte Chomeini bereits in Der islamische Staat gefordert, um den Menschen “den Islam, die Schule des heiligen Krieges, die Religion des Kampfes”[1] zur Verfügung zu stellen.


Teilnehmer mit Plakaten Ali Chomeneis
Teilnehmer mit Plakaten Ali Chomeneis

Vor diesem Hintergrund ist das Zeigen eines Nasrallah-Porträts in Berlin nicht als lokale Solidaritätsbekundung mit dem Libanon zu lesen, sondern als Affiliation zu genau diesem transnationalen, staatlich gelenkten Netzwerk. Der Berliner Marsch wird damit zum lokalen Knoten einer überregionalen ideologischen Kette. Eine als religiöses Gedenken angemeldete Versammlung im Zentrum der deutschen Hauptstadt bindet sich sichtbar in eine Ideologie ein, die von einem autoritären Staat ausgeht und dessen militante Verbündete einschließt. Die religiöse Form und die politische Funktion fallen hier nicht auseinander; die Form ist das Transportmittel der Funktion.


Pädagogik des Märtyrertods


Dass diese Ideologie eine konkrete, auf die nächste Generation gerichtete Dimension besitzt, lässt sich historisch belegen. Seit der Islamischen Revolution 1979 deuten Protagonisten des iranischen Regimes Aschura nicht nur als Trauerereignis, sondern als mobilisierende Erzählung von Opferbereitschaft und Martyrium. Den zentralen Stellenwert dieser Märtyrerideologie verdeutlichte etwa Mahmud Ahmadinedschad, Präsident der Islamischen Republik von 2005 bis 2013, mit seiner Rede von der „Kunst des Märtyrertodes"[2]. Bereits im Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 wurden Opferbereitschaft und Martyrium systematisch zum politischen und erzieherischen Ideal erhoben. Angehörige der nach der Revolution gegründeten Basidsch-Miliz wurden in großer Zahl als „freiwillige Märtyrer" mobilisiert; viele von ihnen waren Jugendliche, die weniger militärisch ausgebildet als islamistisch indoktriniert waren. Der Tod wurde ihnen als Übergang in eine höhere, göttliche Existenz vermittelt, während ihr eigenes Leben gegenüber dem vermeintlich heiligen Kampf abgewertet wurde.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich die im ersten Beitrag dokumentierte Inszenierung gefesselter Kinder in ihrer eigentlichen Bedeutung. Was nach außen als historisch-religiöse Reinszenierung der Schlacht von Kerbela deklariert wird, lässt sich im islamistischen Kontext als frühe Einübung in Märtyrer-, Opfer- und Unterwerfungspraktiken verstehen. Dass diese Darstellung Kindern bei extremer Hitze zugemutet wurde und ein polizeiliches Einschreiten erforderlich machte, verdeutlicht, wie deutlich die ideologische Inszenierung über den Schutz Minderjähriger gestellt wurde. Hier schließt sich der Bogen zur Selbstbenennung des Netzwerks: Kindern wird die Geste der „Unterwerfungsverweigerung" nach außen einstudiert, während sie zugleich einem geschlossenen Deutungsrahmen unterworfen werden, der Zweifel, individuelle Selbstbestimmung und demokratische Pluralität als Störung begreift.


Verbindendes Ideologiefragment: Israelbezogener Antisemitismus


Genau an diesem Feindbild wird auch die im Bericht beschriebene Bündnisbildung über verschiedene Ideologien hinweg verständlich. Was Akteure des schiitischen Islamismus und Teile der linksislamistischen wie antiimperialistischen Szene über ihre unterschiedliche Herkunft hinweg verbindet, ist ein gemeinsames, antisemitisch aufgeladenes Weltbild. Das dualistische Freund-Feind-Schema der Aschura-Erzählung geht dabei nahtlos in Muster des modernen israelbezogenen Antisemitismus über: Israel wird als das ultimativ Böse imaginiert, sein Existenzrecht delegitimiert und der Kampf gegen den jüdischen Staat mit allen Mitteln gerechtfertigt.

Für eine Einordnung als antisemitsch sind das eindeutige Strukturmerkmale – Dämonisierung, Existenzrechtsnegation und die kollektive Zuschreibung an Jüdinnen und Juden weltweit –, die im Rahmen der IHRA-Arbeitsdefinition als israelbezogener Antisemitismus zu bewerten sind und die deutlich über eine politische Auseinandersetzung mit konkretem staatlichem Handeln hinausgehen. Was abstrakt klingt, hat eine reale Dimension: Wenn Anhänger dieser Ideologie sich als Erben Husains verstehen und daraus einen Kampf „mit allen Mitteln" ableiten, wird das Feindbild zur konkreten Sicherheitsfrage für jüdisches Leben in der Diaspora.


Gefahr der Normalisierung


Die Brisanz des Berliner Aschura-Marsches liegt damit weniger in einzelnen Symbolen oder Parolen als in einem Verfahren. Wenn schiitisch-islamistische Akteure eine transnationale Ideologie, die Terrorverherrlichung, Antisemitismus und autoritäre Unterwerfung einschließt, hinter westlich anschlussfähigen Begriffen verbergen, entsteht eine besondere Gefahr der Normalisierung. Netzwerke wie „Hayhat" setzen weniger auf offene Provokation als auf Umwegkommunikation, begriffliche Verschleierung und die Inszenierung als legitime Stimme einer religiösen oder politischen Minderheit. Ihr Ziel ist nicht der Skandal, sondern die Gewöhnung.

Der Marsch kann deshalb nicht als Randerscheinung behandelt werden. Er verweist auf die Anpassungsfähigkeit schiitisch-islamistischer Strukturen nach dem Wegfall zentraler Institutionen, auf die fortdauernde ideologische Bedeutung von Märtyrer- und Opfererzählungen und auf die Anschlussfähigkeit antisemitischer Feindbilder in unterschiedlichen politischen Milieus. Die gebotene Rücksicht auf legitime Religionsausübung darf dabei nicht in eine Zurückhaltung gegenüber fundamentalistischer Dynamik umschlagen. Entscheidend ist die Unterscheidung: Nicht Aschura als religiöses Gedenken ist das Problem, sondern seine politische Instrumentalisierung durch eine islamistische, antisemitische und autoritäre Ideologie – eine Ideologie, die im Namen der Unterwerfungsverweigerung die Unterwerfung fordert.


(Redaktion JFDA e.V.)




[1] Ajatollah Chomeini: Der islamische Staat. Übers. v. Nader Hassan & Ilse Itscherenska. Berlin 1983, S. 154.

[2] Vgl. Küntzel, Matthias: Kanonenfutter der Mullahs. Über die Bassidschi-Bewegung im Iran. In: CICERO, Juni 2006. Online abrufbar unter: http://www.matthiaskuentzel.de/contents/kanonenfutter-der-mullahs (zuletzt aufgerufen am 08.07.2026)

 
 
 

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