Antisemitismus und Auftritt von Diether Dehm auf Anti-NATO-Kundgebung „Stopp Ramstein“ in Berlin

Aktualisiert: 26. Juni



Am 25. Juni 2022 fand in Berlin-Weißensee eine Kundgebung unter dem Titel „Stopp Ramstein“ statt, auf der ein Austritt Deutschlands aus der NATO sowie eine Schließung der Air Base Ramstein, dem Hauptquartier der United States Air Forces in Europa, gefordert wurde. Veranstaltet wurde die Kundgebung von der selbsternannten „Freien Linken Berlin“. Die „Freie Linke“ ist eine nach außen als antiimperialistisch-links auftretende, in Wahrheit jedoch rechtsoffene und verschwörungsideologische Gruppierung, die im Rahmen der „Querdenken“-Proteste gegen die Corona-Maßnahmen entstand und sich personell aus unterschiedlichen Spektren speist, wie bspw. den ehemaligen „Mahnwachen für den Frieden“.


Erster Redner und auch Höhepunkt auf der Anti-NATO-Kundgebung war ausgerechnet Diether Dehm, prominenter Liedermacher und Politiker der Partei DIE LINKE (bis 2021 MdB). Dehm war in der Vergangenheit Protagonist der verschwörungsideologischen „Mahnwachen für den Frieden“ und setzte sich auch entgegen gefasster Partei- Beschlüsse u.a. für Ken Jebsen ein. Auch viele seiner politischen Positionen, wie bspw. zur Corona-Pandemie, standen und stehen in der Kritik – auch in parteiinterner. Auf der Bühne der „Freien Linken“ in Weißensee bezeichnete Dehm es als „empirisch nachweisbar“, dass die NATO „die größte Verbrecherorganisation nach der SS“ sei. Anschließend trug er mehrere Lieder vor, deren Inhalte teilweise denen der „Mahnwachen für den Frieden“ sowie des „Querdenken“-Spektrums ähnelten.


Ein weiterer Redner, der unter dem Namen Malte auftrat, bediente in seiner „historischen“ Betrachtung der politischen Weltlage etliche zutiefst verschwörungsideologische Narrative. Seine Rede war dabei auch stark von Fragmenten antisemitischer Stereotype durchzogen. So sprach er davon, dass die „Spieler“ im internationalen politischen „Schachspiel“ keine Nationalstaaten mehr seien, sondern „globalistische Akteure, die keinerlei Bindungen oder Loyalität zu irgendeinem Nationalstaat oder zu irgendeiner territorialen Verankerung haben“. Damit bediente er das klassische, schon im Nationalsozialismus verbreitete antisemitische Bild der mit Jüdinnen:Juden assoziierten „wurzellosen Elite“, die keinem „Volk“ gegenüber loyal und zugleich für politische Konflikte und Probleme verantwortlich zu machen seien.

Der Redner fuhr anschließend mit der Behauptung fort, dass die von ihm identifizierten Personen im „unproduktiven Finanzkapital zu suchen“ seien. Auch hierbei handelt es sich um ein populäres antisemitisches Bild. Schon die Nationalsozialisten stützten ihren verkürzten „Antikapitalismus“ auf eine künstliche Trennung zwischen der vermeintlich guten Seite kapitalistischer Produktion – den guten, ehrlichen, „schaffenden“ Arbeitern – und der negativen – der unehrlichen, unproduktiven, „raffenden“ Finanz- und insbesondere Zinssphäre. Mit Letzterer wurden (und werden in vielen Fällen bis heute) jüdische Menschen identifiziert, weshalb dieser verkürzte, personalisierte Antikapitalismus als eine der verbreitetsten Formen des modernen Antisemitismus gelten muss.


Der Redner ergänzte, dass die von ihm identifizierte Elite zudem „die wichtigsten Geheimdienste unter […] Kontrolle“ habe. Ziel des internationalen „Schachspiels“ sei einerseits „die Errichtung einer totalitären Weltherrschaft mit totaler Kontrolle über alles und jeden“. Dies werde erreicht über „Big Data“, „Transhumanismus“ und andere technologische „Kriegswaffen“. Andererseits gehe es um eine weltweite „drastische Bevölkerungsreduktion“. Diese und ähnliche Narrative finden sich in unzähligen Verschwörungserzählungen, die insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie Konjunktur haben. So schlug der Redner schlussendlich auch noch den Bogen zur Pandemie und führte aus, dass derzeit versucht werde, die von ihm genannte „Bevölkerungsreduktion“ nicht nur über „heiße Kriege“ wie in der Ukraine, sondern auch über „Hunger und Pandemie“ zu erreichen.


Besucht wurde die Veranstaltung am Antonplatz in Weißensee von ca. 40 Teilnehmenden – und damit von weit weniger Personen als der antifaschistische Gegenprotest gegen die „Freie Linke“, an dem laut Angaben der stellvertretenden Landesvorsitzenden von „DIE LINKE. Berlin“ Sandra Brunner auch Mitglieder von „DIE LINKE. Pankow“ teilnahmen.


Sowohl der Auftritt von Diether Dehm als auch die antisemitischen Ausführungen des Redners Malte zeigten einmal mehr, wie die „Freie Linke“ einzuschätzen ist: als eine Gruppe, die antisemitischen Verschwörungsideologien rund um Covid19 und den Krieg gegen die Ukraine im wahrsten Sinne des Wortes eine Bühne bietet. Bleibt zu hoffen, dass sich ihr Mobilisierungspotential, wie am 25. Juni in Weißensee, weiterhin in Grenzen hält.

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