documenta15

4.1. Kritik an antisemitischen Inhalten

4. Kritik und Reaktionen

Die Empörung der Betroffenen über die Ausstellung antisemitischer Werke auf der documenta15 war und ist groß. Verschiedene, darunter auch jüdische, Institutionen wiesen auf die Intensität der Problematik der ausgestellten Karikaturen auf Taring Padis Banner „People's Justice hin. Die israelische Botschaft zeigte sich in einer Stellungnahme empört über die öffentliche Zurschaustellung von Antisemitismus und mahnte an, dass einige Exponate an Propaganda von Goebbels und seinen Handlangern erinnerten. Die roten Linien seien nicht nur überschritten, sondern zertrümmert worden.

Auf die Kontinuität der antisemitischen Bildsprache machten auch einige Shoah-Überlebende des Internationalen Auschwitz Komitees aufmerksam. Fassungslos stellten diese fest:

„Die erniedrigende Darstellung jüdischer Menschen auf ausgestellten Zeichnungen ist mit antisemitischen Klischees behaftet, die den Holocaust Überlebenden sehr bekannt vorkommen und sie an die finsteren Zeiten erinnern, in denen sie mit ähnlichen Zeichnungen ausgestoßen und gejagt wurden.“

Auch die Filmreihe „Tokyo Reels Film Festival“, in der pro-palästinensisches Propagandamaterial gezeigt wurde, erntete Kritik. Der unkritischen Wiedergabe von Propagandamaterial, das Terrorismus speziell gegen Israel verherrlicht, attestierte neben dem Expert:innengremium der documenta auch Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, eine „aufhetzende Wirkung“. Schuster kritisierte ebenfalls, dass die Filmreihe Antisemitismus, Israelhass und Terror“ befeuere.

Uwe Becker, Antisemitismusbeauftragter des Landes Hessen, kritisierte die künstlerische Leitung der documenta und sah in der Verweigerung, den Forderungen des Expert:innengremiums nachzukommen und die Ausstellung der Filmreihe zu stoppen, eine „öffentliche Verbreitung von Terrorismusverherrlichung“ und vorsätzlichen Antisemitismus. Er wies zudem darauf hin, dass die BDS-Bewegung in öffentlichen Debatten viel zu oft verharmlost und ihr antisemitischer Charakter nicht erkannt werde:

„Die documenta fifteen hat erneut bewiesen, dass die gegen Israel gerichtete BDS-Bewegung antisemitisch ist und deshalb auch konsequenter bekämpft werden muss [...] Versuche, BDS als demokratische Plattform zur Diskussion des Nahostkonflikts zu bewerten oder gar als vermeintliche Menschenrechtsbewegung zu verharmlosen, müssen endlich aufhören. In BDS steckt das Ziel der Vernichtung Israels, und wer BDS fördert, unterstützt diese antisemitischen Kräfte willentlich oder fahrlässig“, so der Antisemitismusbeauftragte.

Becker betonte, dass diejenigen, die BDS unterstützen, in Zukunft keine öffentliche Bühne mehr erhalten sollen. Damit nahm er Bezug auf einen Beschluss des Bundestages aus dem Jahr 2019. Darin hatte der Bundestag die BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt und unter anderem beschlossen, keine Projekte finanziell zu fördern, die zum Boykott Israels aufrufen oder die BDS-Bewegung aktiv unterstützen. Mit der documenta15 wurde nun jedoch eine Kunstschau aus Bundesmitteln finanziert, die BDS-Unterstützer:innen eine Bühne bietet. Becker zufolge müssten aus den Ereignissen bei der diesjährigen documenta für die Zukunft Lehren gezogen werden.

Christoph Heubner, der geschäftsführende Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, wirft dem Kurator:innenkollektiv der documenta zudem vor, sie habe die „große Mehrzahl der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler [...] für eine antisemitische, antizionistische und antiisraelische Inszenierung mißbraucht.“ Zudem hätte man „über Wochen hinweg, [...] die öffentliche Erregung und den Schmerz jüdischer Menschen angesichts dieser Entgleisungen zynisch in die eigenen Erfolgsmeldungen miteinbezogen“.


In der Ignoranz gegenüber den Forderungen des Expert:innengremiums, die Ausstrahlung der Filmreihe „Tokyo Reels Film Festivals“ zu stoppen, erkennt der Zentralrat der Juden darüber hinaus ein strukturelles Problem, das von Anfang an angelegt gewesen sei und sich darin äußere, die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus zu verweigern.


4.1.1. Kritik an der Verbindung zu BDS

Das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (BgA) hatte dem Kurator:innenkollektiv ruangrupa bereits im Januar 2022 vorgeworfen, israelfeindliche und antisemitische Positionen zu vertreten und den kulturellen Boykott Israels zu unterstützen. Das BgA forderte, auch angesichts des Bundestagsbeschlusses „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“, Unterstützer:innen der israelfeindlichen BDS-Kampagne „keinen Platz in einer maßgeblich durch öffentliche Gelder finanzierten Ausstellungzu geben. Diesen Vorwürfen folgte eine breite Kritik an der Nähe der Kurator:innen zu BDS, die sich auch nach Bekanntwerden der antisemitischen Kunstwerke fortsetzte.

Vielen Betroffenen war es nach der Enthüllung von Taring Padis Banner „People’s Justice“ wichtig, in der nachfolgenden Debatte den inhaltlichen Bogen zu den vorausgegangenen Vorwürfen des BgA und der Diskussion über israelbezogenen Antisemitismus zu spannen. So merkte die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands hierzu an:

„Die diesjährige Ausstellung ist eine Beleidigung für die jüdische Welt; nicht nur, weil sie jüdische und israelische Künstler ausgrenzt und im Vorfeld eine ausgewogene Debatte zwischen Organisatoren und Betroffenen vermieden wurde, sondern vor allem, weil sie einem falschen Nahost-Narrativ aufsitzt, was von der hiesigen Kunst- und Kulturszene zu gerne aufgenommen wird, um Israel zu kritisieren.“

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