Statement zur WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”



Im Dezember 2020 diskutierten in der WDR-Talkshow “Die letzte Instanz” unter der Leitung von Steffen Hallaschka der Entertainer Thomas Gottschalk, die Schauspielerin Janine Kunze, der Moderator Micky Beisenherz und der Schlagersänger Jürgen Milski über die Frage, ob es notwendig sei, auf das Wort “Zigeuner” im Sprachgebrauch zu verzichten und es in Komposita wie “Zigeunerschnitzel” durch einen neutralen Begriff zu ersetzen. Die Sendung wurde am 29. Januar 2021 im WDR ausgestrahlt.


Bereits in der eingespielten Ankündigung des Themas wurde durch Stil, Wortwahl und Bebilderung deutlich, in welch herabwürdigender und zynischer Art und Weise die WDR-Sendung, die sich selbst als “Meinungsbringservice” bezeichnet, sich des Themas annimmt.


Im Nachgang wurden die Gesprächsteilnehmer:innen, die Redaktion der Sendung und die Verantwortlichen des WDR u.a. vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma scharf kritisiert. Die Gesprächsatmosphäre sei beleidigend und von Rassismus geprägt gewesen, Betroffene seien nicht gehört worden. Die Machart der Sendung hätte den in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verbreiteten antiromanistischen Rassismus bereitwillig aufgenommen und reproduziert.


Levi Salomon, Sprecher und Koordinator des JFDA, erklärt dazu:


“Auch aus unserer Sicht ist die Art und Weise, in der die WDR-Sendung ‘Die letzte Instanz’ dieses Thema behandelt hat, schrecklich. Leider zeigt sich darin einmal mehr, dass bei einigen WDR-Verantwortlichen und -Redakteur:innen wenig Gespür vorhanden zu sein scheint für die Lebenswelt von Menschen, die nicht zur deutschen Mehrheitsgesellschaft zählen. Uns erinnert dies an die Weigerung des Westdeutschen Rundfunks im Jahr 2017 die Dokumentation ‘Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa’ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner auszustrahlen.”


Der Begriff war immer eine mit negativen Stereotypen verknüpfte Fremdbezeichnung, wurde nie von Angehörigen der Roma und Sinti als Selbstbezeichnung verwendet und hat sich über Jahrhunderte zu einem Feindbild im kollektiven Gedächtnis Europas verdichtet. Die Verfolgung und Ermordung dieser Minderheit durch die deutschen Nationalsozialisten war die radikale Konsequenz einer Ausgrenzungsgeschichte, die in Europa mehrere Jahrhunderte zurückreicht.


Zwischen 1933 und 1945 wurden unter der Zuschreibung “Zigeuner” Angehörige der Roma, Sinti, Lalleri, Lowara, Manusch und anderer Gruppen verfolgt, erniedrigt und ermordet. Die Nazis betrieben in ihrem Rassenwahn nicht nur eine “Endlösung der Judenfrage”, sondern auch eine “Lösung der Zigeunerfrage”. Dem von Deutschen verübten Völkermord fielen schätzungsweise bis zu 500.000 Menschen zum Opfer, die als “Zigeuner” verfolgt worden waren. Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gab es für Roma ein sogenanntes “Zigeunerlager” und der den Häftlingen auf den Unterarm eintätowierten Nummer wurde ein “Z” vorangestellt.


Der nationalsozialistische Völkermord an den Roma wird als “Porajmos” bezeichnet. In der Bundesrepublik und DDR wurde diese Gruppe über Jahrzehnte nicht als Opfergruppe der NS-Vernichtungspolitik anerkannt. Erst im Jahr 2012 wurde in Berlin ein Denkmal für die zwischen 1933 und 1945 ermordeten Roma und Sinti eingeweiht. Aktuell wird diskutiert, das Denkmal vorübergehend abzubauen bzw. zu schließen, da es auf dem geplanten Verlauf einer neuen S-Bahn-Linie liegt.


Über viele Jahre verwendete die Polizei im Nachkriegsdeutschland weiterhin zur strafrechtlichen Verfolgung und Diskriminierung von Roma und Sinti Beschreibungen, die auf die Ideologie und den Rassenwahn der Nazis zurückgehen, und schrieb diesen Minderheiten einen angeblich angeborenen Hang zur Kriminalität zu. Eine Entschädigung wurde den ehemals Verfolgten und den Angehörigen der Ermordeten in den allermeisten Fällen durch die Bundesrepublik und DDR verwehrt. In der Erinnerungsarbeit wurden sie ausgeblendet und ignoriert.


Dass heute auch den Roma und Sinti als Opfer der NS-Verbrechen gedacht wird, ist zu großen Teilen auf das Wirken des 1982 entstandenen Zentralrats Deutscher Sinti und Roma sowie auf das Engagement der Bürgerrechtsbewegung zurückzuführen, die sich ab den 1970er Jahren aus den Reihen der Betroffenen formierte.


In der aktuellen Diskussion über die WDR-Sendung “Die letzte Instanz” geht nicht um ein ‘Verbot’, bestimmte Begriffe zu verwenden. Sondern es geht um ein mangelndes Bewusstsein, wofür bestimmte Begriffe stehen und aus welchem Kontext sie stammen. Begriffe haben eine Geschichte - und die Geschichte dieses Begriffs hängt in Deutschland untrennbar zusammen mit der Verfolgung, Deportation und Massenvernichtung der Roma und Sinti zwischen 1933 und 1945. Deswegen - weil dieser Begriff mit einer hasserfüllten und menschenverachtenden Ideologie einhergeht - sollte man ihn nicht weiter verwenden.


Die verbreitete Weigerung, auf solche herabwürdigenden Begriffe zu verzichten, zeigt daher leider auch, dass eine wirkliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in großen Teilen der deutschen Gesellschaft noch immer nicht stattgefunden hat. Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn merkte im vergangenen Jahr an, dass eine selbstreflexive Aufarbeitung der NS-Zeit in den meisten deutschen Familien nie stattgefunden hat.


Abschließend führt Levi Salomon aus:


“Viel zu oft bleibt das Erinnern an die NS-Verbrechen ein leeres Ritual. Anders lässt es sich aus unserer Sicht nicht erklären, dass der WDR zwei Tage nach dem Internationalen Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz eine Sendung ausstrahlt, in der ein empathischer Umgang, Verständnis und Solidarität mit den ehemals verfolgten Roma und Sinti aggressiv abgewehrt und der Lächerlichkeit preisgegeben wird.”


“Wir als Jüdisches Forum stehen in Solidarität an der Seite der Betroffenen und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Mit Entschiedenheit setzen wir uns daher gegen Rassismus und Antiromaismus ein.”


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