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In Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto

„Am wichtigsten ist, dass der Traum meines Lebens wahr geworden ist. Jüdische Selbstverteidigung im Ghetto ist verwirklicht worden. Vergeltung und Widerstand von jüdischer Seite ist eine Tatsache geworden. Ich bin Zeuge des heldenhaften Mutes der jüdischen Kämpfer gewesen.“


Diese Worte schrieb Mordechai Anielewicz (1919–1943) in seinem Abschiedsbrief an einen Freund. Zu dem Zeitpunkt des Briefes, den er am 23. April 1943 verfasste, kämpfte er bereits seit vier Tagen als Anführer der Jüdischen Kampforganisation im Aufstand des Warschauer Ghettos.


Der Aufstand im Warschauer Ghetto, bei dem die Kämpfer:innen vier Wochen erbitterten Widerstand gegen die deutschen Truppen und die Deportationen in die Vernichtungslager leisteten, steht seit jeher im Zentrum der Erinnerung an den jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.


Das Warschauer Ghetto wurde im Oktober 1940 errichtet und war das größte Sammellager, von dem aus Jüdinnen:Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte die jüdische Gemeinde in Warschau rund 375.000 Mitglieder und war damit die größte Europas. Die jüdische Bevölkerung Warschaus entsprach etwa einem Drittel ihrer Gesamtbevölkerung. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 waren Jüdinnen:Juden gewaltvollen Übergriffen ausgesetzt und es wurde eine Reihe von Verordnungen erlassen, die sie ihrer Existenzgrundlage beraubten.


Im November 1940 wurden alle Jüdinnen:Juden in das Warschauer Ghetto deportiert, das am 16. November schließlich abgeriegelt wurde. Die mit Stacheldraht versehene Mauer, durch die das Ghetto vom Rest der Stadt abgetrennt wurde, mussten die Inhaftierten unter Zwang selbst errichten. Die Lebensbedingungen waren katastrophal: Das Ghetto war stark überfüllt; es gab kaum Lebensmittel, Wasser und Strom. Die Nahrungsration einer Person deckte nur etwa ein Zehntel des lebensnotwendigen täglichen Kalorienbedarfs. Inhaftierte, die es geschafft hatten, Nahrungsmittel in das Ghetto zu schmuggeln, wurden teils öffentlich exekutiert. Die Ghettobevölkerung stieg durch die Deportationen von Jüdinnen:Juden aus kleineren Städten auf 450.000 an – dabei umfasste das Ghetto gerade mal eine Fläche von drei Quadratkilometern. Etwa 100.000 Menschen verhungerten oder starben an Krankheiten, die sich aufgrund der verheerenden hygienischen Zustände schnell ausbreiteten.


Im Juli 1942 begann die Auflösung des Ghettos durch die Massendeportationen in die Vernichtungslager, überwiegend in das 90 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka. Der Vorsitzende des Judenrats, Adam Czerniakow, weigerte sich, die Deportationslisten zu erstellen und nahm sich selbst das Leben. Innerhalb von zwei Monaten wurden rund 280.000 Jüdinnen:Juden aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka deportiert und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast. Nur etwa 60.000 Jüdinnen:Juden, zu einem Großteil junge Erwachsene, verblieben im Ghetto, das nun zu einem Lager für Zwangsarbeit umfunktioniert wurde. Weiterhin fanden Selektionen statt – Anfang 1943 zählte das Ghetto noch etwa 40.000 Inhaftierte. Im April 1943 sollte es komplett geräumt werden.


Bereits nach den ersten Massendeportationen im Juli 1942 organisierten sich immer mehr im Ghetto verbliebene Jüdinnen:Juden im Widerstand. Die drei zionistischen Jugendbewegungen „Hashomer Hatzair“, „Dror“ und „Akiva“ errichteten eine bewaffnete Untergrundorganisation und schlossen sich im Oktober mit der Partei „Poalei Zion“ zur Jüdische Kampforganisation (poln. Żydowska Organizacja Bojowa, kurz: ŻOB) zusammen. Sie verfügte über 1.250 unausgebildete Kämpfer:innen. Mordechaj Anielewicz, geboren 1919 in Wyszków, Polen, wurde zum Anführer der ŻOB ernannt. Weitere etwa 150 Kämpfer:innen schlossen sich aus der Jugendbewegung „Beitar“ zum „Jüdischen Militärverband“ (poln. Żydowski Związek Wojskowy, kurz: ŻZW), zusammen.

Als am 18. Januar 1943 etwa 1.000 SS-Männer in das Warschauer Ghetto marschierten, um weitere Jüdinnen:Juden zu deportieren, reagierten die Gruppen mit einem bewaffneten Widerstand. Vier Tage dauerten die Kämpfe an – am 22. Januar zogen sich die SS-Männer aus dem Ghetto zurück und stoppten die Deportation. Etwa 80 Prozent der Kämpfer:innen kamen in diesen Tagen ums Leben. Durch die erfolgreiche Zurückdrängung der SS-Männer und kurzzeitige Verhinderung der Massendeportation schlossen sich noch mehr Jüdinnen:Juden den Untergrundorganisationen an und bereiteten sich auf einen Massenwiderstand vor.


Als das Ghetto am 19. April 1943 vollständig liquidiert werden sollte, leisteten die Kämpfer:innen der ŻOB und ŻZW im gesamten Ghetto, das sie in vier Kampfzonen einteilten, bewaffneten Widerstand. Mit Revolvern, Granaten und Molotowcocktails verteidigten sich die Aufständischen gegen die Deutschen, die weder mit diesem enormen Ausmaß des Widerstands gerechnet hatten noch dazu in der Lage waren, ihn mit Waffen niederzuschlagen. Am dritten Tag des Aufstands begannen die deutschen Truppen, das Ghetto systematisch niederzubrennen. Es gelang den Widerstandskämpfer:innen dennoch, sich mehrere Wochen lang, bis zum 16. Mai, den Deportationen zu widersetzen.


Während des Aufstands fielen über 12.000 Kämpfer:innen. Auch der Anführer der ŻOB, Mordechaj Anielewicz, wurde gemeinsam mit seiner Freundin Mira Fuchrer (1920–1943) und etwa 120 weiteren Widerstandskämpfer:innen – einem Großteil seines ŻOB-Stabs – in einem Bunker in der Miła Straße durch Einheiten der SS und Waffen-SS ermordet.

Nur wenigen gelang die Flucht aus dem Ghetto, wie beispielsweise Marek Edelman (1919–2009), einem der führenden Personen der ŻOB und verantwortlicher Kommandeur der Kämpfer:innen in der „Bürstenmacher-Zone“. Er floh mit einigen anderen überlebenden Kämpfer:innen durch die Kanalisation aus dem Ghetto und konnte in Warschau untertauchen. Die nach der Niederschlagung des Aufstands Verbliebenen wurden erschossen oder in die Vernichtungslager Treblinka und Majdanek deportiert.

Insgesamt überlebten nur wenige Tausend der 450.000 im Warschauer Ghetto inhaftierten Jüdinnen:Juden die Shoah. Die Aufständischen wussten, dass sie sich aufgrund ihrer unzureichenden Ausrüstung nicht dauerhaft gegen die deutschen Truppen verteidigen können würden, doch es ging ihnen auch darum, sich nicht kampflos ihrem Schicksal zu ergeben. „Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten“, erklärt der überlebende Widerstandskämpfer Arje „Jurek“ Wilner.

Der Aufstand im Warschauer Ghetto – der enorme Widerstand von völlig unzureichend bewaffneten Kämpfer:innen gegen die militärisch überlegenen deutschen Truppen – ist zum Symbol jüdischen Widerstands geworden. Auch war er Vorbild für andere bewaffnete Aufstände, wie in den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibór.



Literatur:


Ainsztein, Reuben: Revolte gegen die Vernichtung. Der Aufstand im Warschauer Ghetto, Berlin 1993.


Edelmann, Marek: Das Ghetto kämpft, Berlin 1993.


Gutman, Israel: The Jews of Warsaw 1939-1943. Brighton, Sussex 1982


Korczak, Janusz: Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto. Göttingen 1996.


Lubetkin, Zivia: Die letzten Tage des Warschauer Gettos. Neuausgabe, mit einem Beitrag von Edith Laudowicz: Widerstand der Frauen im Warschauer Ghetto, Berlin 2019


Ringelblum, Emanuel: Ghetto Warschau. Tagebücher aus dem Chaos, 1967.


Rotem, Simcha: Kazik. Erinnerungen eines Ghettokämpfers, Berlin 1996.





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