Querfront-Dynamiken unter dem Label „Schulstreik“
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Analyse der Demonstration gegen die Wehrpflicht vom 8. Mai 2026

Am 8. Mai 2026 fand in Berlin eine Demonstration unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ statt. Die Versammlung präsentierte sich öffentlich als jugendlicher Protest gegen Militarisierung, Aufrüstung und eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht. Vor Ort zeigte sich jedoch eine deutlich komplexere politische Zusammensetzung. Neben jungen Teilnehmenden mit antimilitaristischen Anliegen waren organisierte Akteure aus linksautoritären, antiimperialistischen und verschwörungsideologischen Spektren sichtbar präsent.
Gerade diese Konstellation macht die Demonstration aus antisemitismuskritischer Perspektive relevant. Unter dem niedrigschwelligen und moralisch positiv konnotierten Rahmen eines „Schulstreiks“ entstand ein Protestzusammenhang, in dem unterschiedliche politische Milieus nebeneinander auftreten konnten, ohne erkennbare Abgrenzungen gegenüber geschichtsrelativierenden, demokratiefeindlichen oder antisemitisch anschlussfähigen Deutungsmustern vorzunehmen.
Die Kundgebung begann am Brandenburger Tor und führte anschließend über die Straße des 17. Juni und die Siegessäule in Richtung CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin-Tiergarten. Der Aufzug wirkte über weite Strecken nicht wie eine klassische Demonstration mit einem einheitlichen ideologischen Anliegen. Viele Teilnehmende waren jung, die Atmosphäre war zeitweise eventförmig, laut und popkulturell geprägt. Problematische Inhalte traten dabei nicht in Form eines offen extremistischen Aufmarsches auf, sondern eingebettet in eine jugendkulturell anschlussfähige Protestästhetik.

Sichtbar waren unter anderem Akteure und Gruppierungen wie RKO, Kommunistischer Aufbau, Sozialismus von unten, MLPD, DKP, Young Struggle sowie Personen aus dem Umfeld der sogenannten Friedenskoordination. Die Präsenz dieser Organisationen bedeutet nicht zwangsläufig, dass einzelne Gruppen die Demonstration vollständig organisiert oder kontrolliert hätten. Sie verweist jedoch darauf, dass es sich nicht lediglich um eine spontane jugendliche Mobilisierung handelte, sondern um einen Protestzusammenhang, an dem organisierte Akteure aus antiimperialistischen und autoritär-linken Spektren aktiv beteiligt waren. Dadurch erhielt die Veranstaltung eine politische Rahmung, die über die Ablehnung der Wehrpflicht hinausging und teilweise an antiwestliche, geschichtsrevisionistische und antiimperialistische Narrative angeschlossen hat.
Besonders auffällig war ein Redebeitrag bei der Auftaktkundgebung, in dem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius explizit mit Adolf Hitler verglichen wurde. Gleichzeitig wurde eine Parallele zwischen der gegenwärtigen politischen Situation und der gesellschaftlichen Entwicklung ab 1933 gezogen. Die Bundesrepublik erschien in dieser Rhetorik als Staat, der sich faschistisch entwickelt und junge Menschen perspektivisch in einen (Angriffs-)Krieg zwingen will. Derartige Analogien sind nicht lediglich Ausdruck polemischer Zuspitzung. Sie relativieren die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus und instrumentalisieren die Erinnerung an den NS für die gegenwärtige politische Mobilisierung.. Die Shoah und der deutsche Vernichtungskrieg werden dabei nicht historisch eingeordnet, sondern als moralisch aufgeladene Vergleichsfolie für aktuelle politische Konflikte funktionalisiert.
Solche NS-Relativierungen tragen zu einer Entwertung der Erinnerung an den NS und die Shoah bei und verschieben die Grenzen des Sagbaren innerhalb politischer Protestkommunikation. Während der Rede gab es keinen sicht- oder hörbaren Widerspruch.
Hinzu kam die sichtbare Präsenz verschwörungsideologischer Symboliken und Narrative. Besonders relevant war ein Schild, das die USA und Israel in Zusammenhang mit globaler Macht und weltpolitischer Steuerung brachte und damit an klassische Weltverschwörungsnarrative anschloss. Solche Darstellungen operieren häufig nicht über explizit antisemitische Sprache, sondern über codierte Chiffren: die Vorstellung globaler Eliten, verdeckter Steuerung, medialer Manipulation oder kleiner Machtgruppen, die angeblich Kriege, Politik und Öffentlichkeit kontrollierten. Diese Vorstellungen werden meistens als antisemitische Umwegkommunikation auf Israel und Zionismus projiziert.
Aus antisemitismuskritischer Perspektive ist hierbei insbesondere relevant, dass Israel nicht als konkreter Staat im Rahmen politischer Kritik erscheint, sondern als Bestandteil einer vermeintlich übermächtigen globalen Organisation imaginiert wird. Damit werden historische antisemitische Deutungsmuster aktualisiert, in denen „jüdische Macht“ als unsichtbare weltpolitische Steuerungsinstanz konstruiert wird.

Vor diesem Hintergrund lässt sich eine Querfront-Dynamik beobachten. Gemeint ist damit nicht, dass sämtliche Beteiligte identische ideologische Positionen vertreten hätten. Relevant ist vielmehr die strukturelle Anschlussfähigkeit unterschiedlicher Milieus innerhalb desselben Protestzusammenhangs. Linksautoritäre und antiimperialistische Gruppen, verschwörungsideologische Akteure, antiwestliche Stimmen sowie junge Teilnehmende mit einer allgemeine Ablehnung der Wehrpflicht und Militarisierung konnten unter einem gemeinsamen Nenner zusammenkommen.
Die verbindenden Elemente bestanden dabei weniger in einem kohärenten politischen Programm als vielmehr in geteilten Feindbildkonstruktionen: „der Staat“, „die NATO“, „der Westen“, „die USA“, Israel, Zionisten, Polizei und Regierung fungierten als gemeinsame Projektionsflächen politischer Ablehnung. In solchen Konstellationen können sich unterschiedliche ideologische Milieus wechselseitig stabilisieren und radikalisieren, ohne dass inhaltliche Widersprüche notwendigerweise aufgelöst werden müssen.

Die Demonstration war nicht geschlossen antisemitisch. Sie war jedoch auch nicht als unpolitischer oder rein jugendkultureller Protest einzuordnen. Gerade ihre niedrigschwellige und emotionalisierte Form erzeugte Anschlussfähigkeit für Akteure und Narrative, die demokratische Institutionen delegitimierten, geschichtsrelativierende Analogien verwendeten und antisemitisch anschlussfähige Weltbilder transportierten.
Die Beobachtung und Dokumentation solcher Protestkonstellationen ist aus antisemitismuskritischer Perspektive relevant und wichtig, weil sie verdeutlicht, wie sich ideologische Entgrenzungen innerhalb vermeintlich offener und niedrigschwelliger Proteste vollziehen können. Eine differenzierte Dokumentation solcher Dynamiken dient dabei nicht der Delegitimierung berechtigter Kritik an Wehrpflicht oder Aufrüstung, sondern der Analyse jener Momente, in denen politische Mobilisierung in geschichtsrelativierende, verschwörungsideologische und antisemitisch anschlussfähige Deutungsmuster übergeht.
(Redaktion JFDA e.V.)



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