In Gedenken an den Aufstand des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau am 7. Oktober 1944



„Der Aufstand in den Krematorien war die einzige bewaffnete Häftlingserhebung in Auschwitz. Er hatte eine tiefe moralische und politische Bedeutung. Er weckte in ungewöhnlichem Maße das Selbstbewußtsein der Häftlinge, er stärkte ihr Vertrauen in die eigenen Kräfte und ihre Überzeugung vom unvermeidlichen, siegreichen Ende des Krieges gegen die Faschisten. Gleichzeitig hatte er der SS gezeigt, daß selbst eine kleine, zum Kampf entschlossene Gruppe von Häftlingen die ganze, mehrere Tausende zählende SS-Besatzung zu binden vermochte.“


Mit diesen Worten beschreiben die Auschwitz-Überlebenden Ota Kraus und Erich Kulka den Aufstand des Sonderkommandos im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 7. Oktober 1944. Nachdem die Häftlinge der Arbeitskommandos Krematorium III und IV erfahren hatten, dass etwa 300 Männer aus ihrer Belegschaft ermordet werden sollten, griffen sie die SS-Männer mit Steinen, Messern und Werkzeugen an. Dabei gelang es den Aufständischen, das Krematorium IV in Brand zu setzen und teilweise zu zerstören, drei SS-Unterscharführer zu töten und mehr als zehn weitere SS-Männer zu verletzen. Der Aufstand ermöglichte einem Teil der Häftlinge des Sonderkommandos eine kurzzeitige Flucht aus dem Lager, die jedoch keiner der Geflüchteten überlebte. Während der brutalen Niederschlagung des Aufstands wurden über 250 Häftlinge des Sonderkommandos ermordet und anschließend etwa 200 weitere erschossen. Unter den Ermordeten befanden sich fast alle führenden Mitglieder der Widerstandsbewegung sowie auch viele am Aufstand unbeteiligte Häftlinge. Einigen Aufständischen gelang es, sich unter die Gefangenen in anderen Lagerabschnitten zu mischen und so ihrer Exekution zu entgehen.


Bereits Anfang 1943 begannen einzelne kleine Gruppen im Sonderkommando, Pläne für eine Revolte zu entwickeln. Die Bedingungen für eine stärkere Widerstandsbewegung verbesserten sich damit, dass im März 1943 mehrere polnische Juden nach Auschwitz deportiert und dem Sonderkommando zugeteilt wurden, die bereits Erfahrungen in der kommunistischen Untergrundarbeit hatten – so auch Jankiel Handelsman und Josef Warszawski, die zu den Anführern der Widerstandsbewegung im Sonderkommando zählten. Die politische Untergrundarbeit im Sonderkommando bestand zunächst vor allem aus einzelnen Widerstandsgruppen, in denen sich Häftlinge mit jeweils derselben Nationalität organisierten. Eine geschlossene Organisation des Widerstandes war zunächst aus verschiedenen Gründen schwer durchsetzbar. Zum einen konnten die Häftlinge aufgrund ihrer katastrophalen Existenzbedingungen und der körperlich harten Arbeit nicht die für die Untergrundarbeit notwendigen Kräfte aufbringen, zum anderen war die Sterblichkeitsrate im Sonderkommando vor allem bis zum Sommer 1943 sehr hoch.


Es gab zunächst einige Überlegungen, sich gemeinsam mit Häftlingen, die in die Gaskammern getrieben wurden, zur Wehr zu setzen. Jedoch war die Umsetzung einer gemeinsamen Revolte schon deshalb schwierig, weil es sich bei vielen zur Vergasung bestimmter Häftlinge um Kinder, Alte und kranke Menschen handelte, die bereits am Ende ihrer körperlichen Kräfte waren. Zudem beobachteten die Häftlinge des Sonderkommandos mehrere brutale Liquidierungen ganzer Transporte von Häftlingen, aus denen sich einzelne kurz vor ihrer Ermordung zur Wehr gesetzt und versucht hatten, die SS anzugreifen. Aufgrund dieser Beobachtungen waren sich die Häftlinge des Sonderkommandos darüber im Klaren, dass eine Miteinbeziehung der ankommenden Transporte in ihre Aufstandspläne ein zielgerichtetes Handeln gefährden würde und die Aussichten auf eine erfolgreiche Revolte gering waren. Eine weitere Überlegung der Widerstandsgruppen war es, Kontakte zu Partisan:innen in der Umgebung aufzunehmen, um eine ausreichende Versorgung und Unterbringung der Häftlinge nach einer Massenflucht zu gewährleisten. Da den Häftlingen jedoch bekannt war, dass alle Mitglieder des ersten Sonderkommandos in Auschwitz am 9. Dezember 1942 aufgrund eines Fluchtplanes, der zur SS durchgedrungen war, ermordet wurden, waren viele von ihnen nicht von dem Erfolg einer Massenflucht überzeugt.


Im Herbst 1943 wurden die anfänglichen Vorhaben einer Revolte zu dem Plan weiterentwickelt, die Gaskammern und Krematorien zu zerstören. Die Widerstandsgruppe im Sonderkommando nahm Verbindungen zum allgemeinen Lagerwiderstand auf und schuf Kontakte zu Gruppen in anderen Lagerabschnitten. Über verschiedene Arbeitskommandos wie die Zerlegebetriebe und die Häftlingsküche wurden Stichwaffen und Spreng- und Schußwaffen-Bestandteile ins Sonderkommando geschmuggelt. Große Unterstützung erhielt die Widerstandsgruppe im Sonderkommando von der polnischen Jüdin Róża Robota, die im Bekleidungskommando die persönlichen Gegenstände von Toten sortieren musste. Robota stand in engem Kontakt mit dem jüdischen Untergrund und organisierte eine Widerstandsgruppe innerhalb ihrer Einheit, die nah am Krematorium IV gelegen war. Sie nahm Kontakt zu den jüdischen Zwangsarbeiterinnen Ester Wajcblum, Ella Gärtner und Regina Safirsztain auf, die in der Zünderfabrik beschäftigt waren. Gemeinsam mit ihnen gelang es Robota, mindestens 15 Helfer:innen anzuwerben, die in Stoff- oder Papierfetzen sowie Streichholzschachteln Schießpulver aus der Fabrik schmuggelten. Als Mittelfrau gab Robota das Schießpulver an ihren Freund Godel Silber aus dem Kommando Schlosserei weiter, der es schließlich den Häftlingen des Sonderkommandos übergab.


Die Zusammenarbeit des Sonderkommandos mit anderen Widerstandsgruppen in Auschwitz führte allerdings auch dazu, dass der Zeitpunkt für den Aufstand immer weiter nach hinten verschoben wurde. Angesichts des Vorrückens der Roten Armee und der Abnahme an ankommenden Transporten mussten die Häftlinge jederzeit mit ihrer eigenen Ermordung rechnen. Während die Häftlinge des Sonderkommandos dieser mit dem Aufstand zuvorkommen wollten, bevorzugten andere Widerstandsgruppen einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten und versuchten, die mit einem Aufstand verbundenen Gefahren für die Häftlinge in Auschwitz-Birkenau so gering wie möglich zu halten.


Ein erster Termin für den Aufstand wurde schließlich auf den 28. Juli 1944 festgelegt. Eine laute Explosion sollte das Startsignal für den Aufstand geben, bei dem die zehn SS-Posten auf dem Gelände der Krematorien ermordet werden sollten. Mit den Waffen der getöteten SS-Männer sollten eine Stunde später die Wachmänner auf dem Weg zu ihren Posten getötet werden. Auch die verbündeten Aufständischen aus den anderen Lagerbauabschnitten sollten die sich dort befindenden SS-Wachen ermorden, die Unterkunfts- und Magazinierbaracken in Brand setzen sowie die Stacheldrähte und Lagerbauabschnitte durchtrennen. Die Krematorien sollten in die Luft gesprengt und eine Massenflucht ermöglicht werden. Der Tag wurde unter anderem deshalb ausgewählt, da an diesem kein neuer Transport in Auschwitz ankommen sollte. Die Uhrzeit wurde auf einen Zeitpunkt festgelegt, an dem planmäßig die Arbeitskommandos in das Lager zurückkehrten, sodass diese sich am Aufstand hätten beteiligen können. Einige Stunden später, nach Einbruch der Dunkelheit, hätte die SS ihre Suchaktion nach den geflüchteten Häftlingen für den Tag abbrechen müssen. Der Plan sah vor, sich an den SS-Männern zu rächen, Inhaftierte durch eine Flucht zu retten sowie die Vernichtungsanlagen zu zerstören und somit neu ankommende Häftlinge vor ihrer Ermordung zu bewahren.


Aufgrund der Ankunft eines Evakuierungstransports aus Majdanek, über den das Sonderkommando nicht informiert worden war, scheiterten alle Pläne. Zum einen wurde der Transport von einer ungewöhnlich hohen Anzahl an SS-Männern begleitet, zum anderen war das Risiko einer Liquidierung an den nicht zur Vergasung bestimmten ankommenden Häftlingen zu groß. Nach dem gescheiterten Vorhaben war die Anspannung unter den Aufständischen enorm, da nun viel mehr Häftlinge in den Plan des Aufstandes eingeweiht waren und somit das Risiko eines Verrates größer war als zuvor.


Etwa einen Monat später befahl die SS, die Aschegruben auf dem Krematoriumsgelände I und II zu entleeren und die Spuren der darin befindlichen menschlichen Überreste zu beseitigen sowie die Verbrennungsgruben bei Krematorium IV zuzuschütten. Die Häftlinge des Sonderkommandos waren sich darüber bewusst, dass die Einstellung der Transporte nach Auschwitz bedeutete, dass sie in ihrer Funktion nicht mehr gebraucht werden würden und daher kurz vor ihrer Ermordung standen. Ein Teil des Sonderkommandos wurde bereits im Februar 1944 nach Majdanek deportiert und dort direkt nach der Ankunft vergast. Obwohl die Häftlinge unter einem Vorwand von der SS ausgesondert wurden, um die Mordaktion geheim zu halten, hatten die Häftlinge des Sonderkommandos Kenntnis über das Schicksal ihrer Mitgefangenen. Währenddessen war auf höchster Ebene der Widerstandsbewegung in Auschwitz-Birkenau beschlossen worden, einen weiteren allgemeinen Aufstand nur bei der Liquidationsgefahr des gesamten Lagers durchzuführen. Das Sonderkommando plante daraufhin eine Massenflucht ohne die Beteiligung anderer Kommandos. Da man aufgrund der kollektiven Bestrafungsmaßnahmen der SS keine Sonderkommando-Gruppe in Auschwitz zurücklassen und jede Gruppe in die Planung einbeziehen wollte, war die Umsetzung einer nächtlichen Massenflucht jedoch unmöglich.


Als den Häftlingen des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944 mitgeteilt wurde, dass noch an diesem Tag 300 Häftlinge aus der Belegschaft der Krematorien III und IV ausgewählt und abgeholt werden sollen, entschied der Planungsstab des Sonderkommandos dennoch, dass die Selektion keine geeignete Möglichkeit für einen Aufstand darstelle und stattdessen Ruhe bewahrt werden sollte. Während die Namen der Häftlinge bei der Selektion aufgerufen wurden, schrie der polnisch-jüdische Häftling Chaim Neuhoff plötzlich „Hurra“ – ein Aufruf, der als Startsignal für einen Aufstand abgesprochen worden war – und ging mit einem Hammer auf einen SS-Mann los. Daraufhin schlossen sich die anderen Häftlinge seinen Kampfhandlungen an und griffen die SS-Männer mit Steinen, Messern und Fäusten an. Anschließend setzten sie das Krematorium IV in Brand und zerstörten es teilweise. Zwei SS-Männern gelang es, auf ihren Fahrrädern zu fliehen und Verstärkung gegen die Aufständischen anzufordern. Innerhalb einer Stunde wurde der Aufstand der Häftlinge des Sonderkommandos mit Handgranaten und anderen Waffen brutal niedergeschlagen. Anschließend wurden die noch lebenden auf dem Gelände des Krematorium III ergriffenen Sonderkommando-Häftlinge liquidiert. Insgesamt wurden 452 Häftlinge ermordet. Einige Häftlinge entgingen ihrer Exekution, indem sie in andere Lagerabschnitte flüchteten.


Wenige Tage nach dem Aufstand wurden Ala Gertner, Regina Safirsztajn und Ester Wajsblum in Haft genommen, wo sie verhört und brutal gefoltert wurden. Dennoch verrieten sie keine Namen von Mitgefangenen, die an dem Schmuggel des Schießpulvers beteiligt gewesen waren. Durch einen verdeckten Ermittler, den die SS in die Arbeitskommandos schleuste, erfuhr die SS jedoch von der Beteiligung Róża Robotas als Mittelfrau zwischen den Häftlingen der Zünderfabrik und des Sonderkommandos. Als die überlebenden Aufständischen des Sonderkommandos von der Verhaftung Robotas erfuhren, mussten auch sie jederzeit mit ihrer eigenen Verhaftung und Hinrichtung rechnen. Doch trotz schwerer Folter verriet auch Robota nicht die Namen der Häftlinge, die das Schießpulver entgegengenommen hatten.

Der Widerstandskämpfer Israel Gutman beschreibt, wie sein ebenfalls im Widerstand aktiv gewesener Mithäftling Noah Zabludowicz die Möglichkeit bekam, Robota heimlich bei Nacht in dem Bunker, in dem sie gefangen gehalten wurde, zu besuchen:


„Sie hat ihn anfangs nicht erkannt. Eine ganze lange Stunde waren diese beiden Jugendfreunde beisammen, ohne daß Róza zu Bewußtsein kam. Ganz langsam aber erholte sie sich so weit, daß sie Noach die Ereignisse der letzten Tage erzählen konnte. Sie sagte, daß sie keinen Namen genannt, sondern die ganze Schuld auf jemanden geschoben hatte, von dem sie wußte, daß er bereits tot war. Sie versicherte, daß wir nichts zu fürchten hätten. Daß sie sterben müsse, wisse sie. Bis zum Ende werde sie standhaft bleiben. Noach brachte uns einen Zettel von Róza – ein letztes Abschiedswort. Sie schrieb uns, wie schwer es sei, sich vom Leben zu trennen; aber wir hätten nichts zu befürchten, sie würde uns nicht verraten. Nur eine Bitte hatte sie an uns: Falls doch jemand von uns eines Tages in Freiheit käme, sollte er Rache üben. Der Zettel war mit dem Gruß des Haschomer Hazair unterschrieben: Chasak we’emaz (seid stark und tapfer).“


Am 6. Januar 1945 wurden Robota, Gertner, Safirsztajn und Wajsblum öffentlich in Auschwitz gehängt.



Literatur:

Israel Gutman (1979): Der Aufstand des Sonderkommandos. In: Adler, H.G.; Langbein, Hermann; Lingens-Reiner, Ella (Hg.): Auschwitz. Zeugnisse und Berichte.

Ota Kraus, Erich Kulka (1957): Die Todesfabrik.




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