Im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen antisemitischen Massenmords von Babyn Jar 1941



Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.

Ein schroffer Hang - der eine unbehauene Grabstein.


Jewgeni Jewtuschenko: Babij Jar (übersetzt von Paul Celan)


Heute und morgen vor 80 Jahren, am 29. und 30. September 1941, verübten Einsatzgruppen und Wehrmachtseinheiten der NationalsozialistInnen unter Mithilfe örtlicher ukrainischer Polizeikräfte an der jüdischen Bevölkerung von Kiew einen der größten Massenmorde des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 33.000 Jüdinnen:Juden wurden innerhalb von 36 Stunden in der Schlucht Babyn Jar erschossen. Die grausamen Massenerschießungen von Babyn Jar stellen zusammen mit weiteren kurz zuvor verübten Massakern an Jüdinnen:Juden in der Ukraine den Beginn der systematischen NS-Judenvernichtung dar.


Die ukrainische Hauptstadt Kiew wurde am 19. September 1941 durch NS-Truppen besetzt. Am 27. September 1941 beschloss die NS-Führung in Kiew die jüdische Bevölkerung der Stadt zu ermorden. Dies geschah unter dem Vorwand, dass die jüdischen Bewohner:innen für zwei größere Explosionen mit deutschen Todesopfern verantwortlich gemacht werden sollten, die vermutlich durch sowjetische Truppen herbeigeführt wurden. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es erste Erschießungen.


Die NS-Besatzer forderten über eine öffentliche Bekanntmachung am 28. September 1941 alle jüdischen Bewohner:innen Kiews (vor Kriegsbeginn 220.000 Menschen, zu diesem Zeitpunkt etwa 60.000, da der Großteil bereits vor dem Einmarsch geflohen war) dazu auf, sich am Folgetag, also am 29. September 1941, an einem vorgegebenen Ort zu versammeln und “Dokumente, Geld und Wertsachen sowie warme Bekleidung, Wäsche usw.” mitzubringen. Die geplanten Ermordungen sollten so durch den Anschein einer “Umsiedlung” verdeckt werden.


Mehr als 33.000 Jüdinnen:Juden versammelten sich. Sie wurden an die Ränder der Schlucht Babyn Jar getrieben, mussten sich ihrer Kleidung und Wertsachen entledigen und gruppenweise mit dem Gesicht zum Boden in die Schlucht legen. Dort wurden sie durch Genickschüsse ermordet. Von den Rändern der Schlucht wurden danach die nächsten Jüdinnen:Juden aufgefordert, sich auf die Leichname zu legen um ebenfalls ermordet zu werden. Von Zeit zu Zeit wurden die Leichen mit Erde verdeckt.


Als sich die Niederlage der Wehrmacht abzuzeichnen begann, versuchten die Nazis ihre Verbrechen im Rahmen der sog. Sonderaktion 1005 zu vertuschen. So wurden auch in Babyn Jar tausende Leichen, größtenteils von Zwangsarbeiter:innen des KZ Syrez, die im Anschluss selbst ermordet wurden, exhumiert und verbrannt.


Häufig wird der Holocaust in erster Linie mit NS-Vernichtungslagern wie Auschwitz, Treblinka oder Belzec in Verbindung gebracht. Bis zu 40% aller jüdischen Opfer des Holocaust wurden nach aktuellen Schätzungen aber außerhalb der Vernichtungslager ermordet. Mehr als 2 Millionen jüdische Einwohner:innen der besetzten Sowjetunion wurden bei Massenerschießungen wie der von Babyn Jar ermordet.


In diesem Zusammenhang wird oftmals in Anlehnung an die gleichnamige Studie des französischen katholischen Priesters Patrick Desbois vom “Holocaust by bullets” gesprochen: Nahezu alle jüdischen Opfer außerhalb der Vernichtungslager starben durch die Kugeln nationalsozialistischer Pistolen oder Maschinengewehre.

Nach dem Krieg wurde das Massaker juristisch nur sporadisch aufgearbeitet und lediglich ein geringer Teil der Täter:innen zur Rechenschaft gezogen.


Die Schlucht wurde 1962 unter der Sowjetherrschaft eingeebnet und die Massenerschießungen besaßen viele Jahre lang keinen großen Stellenwert in der Erinnerungskultur. Zwar wurde an die Opfer in der sowjetischen Bevölkerung gedacht, die explizit antisemitische Motivation der Täter:innen blieb zumeist außen vor.


Seit dem Zusammenfall der Sowjetunion nimmt die Erinnerung an das Massaker eine größere, wenn auch kontrovers debattierte, Rolle in der Ukraine ein und es erinnern mehrere Denkmäler sowie ein für 2023 geplantes, umstrittenes Gedenkzentrum an die Verbrechen gegen die Menschheit.


Michael Sidko, der letzte bekannte Überlebende des Massakers, erhielt am 12.09.2021 eine Anerkennungsmedaille der Knesset.