Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen zum “Tag des Sieges” in Berlin am 09.05.2022


Zum 9. Mai, dem Tag an dem traditionell Staaten der ehemaligen Sowjetunion an den “Tag des Sieges” über das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg erinnern, fanden in Berlin zum 77. Jahrestag verschiedene Gedenkveranstaltungen und anderweitige Kundgebungen statt. Zentrale Orte waren sowohl das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park als auch das im Tiergarten.


Ab 9 Uhr versammelten sich mehr als Hundert Personen zu einer Gedenkveranstaltung der Russischen Botschaft am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Da es sich um eine offizielle Veranstaltung der Botschaft handelte, war (im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen) das Mitsichführen von russischen Nationalfahnen im Vorfeld genehmigt worden. Auch das Sankt-Georgs-Band, das vor allem zum Gedenken an den Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg getragen wird, war an der Kleidung einiger der Anwesenden zu sehen. Seit 2014 und der damit verbundenen Besetzung der Krim durch Russland, wird das Band unter anderem auch von Unterstützer:innen der russischen Politik bzw. Putin getragen und auf diese Weise missbraucht.


Im Laufe des Tags standen noch weitere Versammlungen bzw. Demonstrationen im Fokus. Rüdiger Hoffmann, Reichsbürger und ehem. NPD Mitglied, organisierte ebenfalls ab 9 Uhr eine Kundgebung auf dem Gelände des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. In seinen mehrstündigen Ausführungen forderte Hoffmann vor einer überschaubaren Zahl von Zuhörer:innen bspw. eine “Entnazifizierung” als “Rettung” der Menschheit. Es handelt sich dabei um eine Formulierung, die stark an die Worte des russischen Präsidenten Wladimir Putin erinnern. Dieser hatte unter dem Vorwand einer angeblichen “Entnazifizierung” der Ukraine im Februar den russischen Angriffskrieg versucht zu legitimieren. Hoffmann selbst nutzt dieses Bild in Reden schon seit Jahren.


Auch zahlreiche antisemitische Chiffren waren in den verschiedenen Redebeiträgen Hoffmanns zu vernehmen. So sprach er bspw. von einer “Hochfinanz”, die Deutschland “missbrauche”. Der Begriff der “Hochfinanz” wurde während des Nationalsozialismus als Propogandabegriff hinsichtlich einer angeblichen “jüdischen Weltverschwörung” genutzt. Hinzu kamen antisemitische Codes wie “Rothschild”, “Soros” oder “BRD als Firma”.


Während also am Treptower Park sowohl eine Reichsbürgerkundgebung stattfand und zudem im Laufe des Tages einige Akteur:innen der verschwörungsideologischen Gruppe “Freedom Parade” vor Ort erschienen, formierte sich ab 11 Uhr unter dem Motto “Rotarmisten Gedächtnis” ein Demonstrationszug mit mehreren Hundert Personen am Brandenburger Tor. Nach einiger Zeit bewegte sich dieser in Richtung Ehrenmal im Tiergarten, welches lediglich wenige hundert Meter entfernt liegt. Von den Teilnehmenden wurden Bilder während des Zweiten Weltkriegs gefallener Verwandten in Richtung Himmel gestreckt und diverse Sprechchöre angestimmt. Alles in allem verlief der Aufzug selbst ohne größere Zwischenfälle, nachdem im Vorfeld unter anderem das Tragen von Nationalfahnen polizeilich untersagt worden war.


Vor Ort waren neben dem Holocaustleugner Nikolai Nerling auch mindestens zwei Mitarbeiter des rechtsextremen Compact Magazin, die selbiges versuchten an Demonstrant:innen zu verteilen. Compact ist für seinen Russland- bzw. Putin-nahen Kurs bekannt.


Am Ehrenmal kam es im Anschluss zu mehreren, mitunter auch körperlichen, Auseinandersetzungen zwischen Ukrainer:innen und Russ:innen. Einzelne Ukrainer:innen wurden nach eigener Aussage daher von der Polizei zu ihrem eigenen Schutz gebeten, sich vom Ehrenmal fern zu halten bzw. sich einer nahegelegenen Kundgebung anzuschließen.


Am Rande der Demonstration befanden sich mehrere Teilnehmer:innen, die sich lautstark hinsichtlich des Kriegs in der Ukraine äußerten. Geprägt waren viele dieser Ausführungen durch eine offensichtliche Täter-Opfer-Umkehr, Desinformation und antisemitische Narrative. Als Aggressor wurde dann wahlweise die NATO oder die Ukraine dargestellt. Russland selbst wurde demzufolge lediglich eine passive bzw. reagierende Rolle zugesprochen. Ferner wurde antisemitisch codiert von gesteuerten “Marionetten” oder in Bezug auf Deutschland von einem unfreien bzw. gesteuerten Land gesprochen. Eklatant zeigte sich in diesen Fällen, wie sehr russische Propaganda auch in Deutschland Wirkung zeigt.


Sowohl im Treptower Park als auch im Tiergarten fanden sich im Laufe des Nachmittags Mitglieder des russisch-nationalistischen Biker- und Rockerclubs “Nachtwölfe” ein. Anders als in den Tagen zuvor erwartet, handelte es sich dabei jedoch in erster Linie um Kleingruppen. Einzelpersonen, die den “Nachtwölfen” zuzuordnen waren, posierten mitunter vor einem Panzer am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Die “Nachtwölfe” wurden 1989 von dem heutigen Präsidenten Alexander Saldostanow gegründet und sind nationalistisch, russisch-orthodox, homophob und stark anti-westlich eingestellt. Schon seit einigen Jahren fahren die Mitglieder um den 8. und 9. Mai regelmäßig zu Gedenktagen nach Deutschland.


Insgesamt verlief der 9. Mai in Berlin mit weniger nationalistischen Vorfällen, wie im Vorfeld befürchtet worden war. Unter dem Motto “No to war” hatte den Tag über zudem eine Antikriegskundgebung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund des Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) stattgefunden.