“Blackout” und “Green Reset”: Klimapolitik und Krieg im verschwörungsideologischen Weltbild

Bereits seit einigen Monaten kursieren in rechten bzw. rechtsextremen Medien Warnungen vor einem totalen “Blackout”. Vor allem angesichts der Pläne der neuen Ampelregierung, Deutschland grüner und nachhaltiger zu gestalten, wurde die Angst vor einem drohenden Komplett-Ausfall der Energieversorgung immer weiter geschürt. Der “flatterhafte Grünstrom”, wie das “Compact Magazin” Erneuerbare Energien in einem Artikel vom 19. März bezeichnete, sei nicht geeignet, um Kohle, Gas und Atom abzulösen und Deutschland gänzlich mit Strom zu versorgen.


Auch die Thüringer AfD publizierte zu dieser Thematik am 20. Januar eine Broschüre namens “Die unterschätzte Gefahr: Blackout”, in der sie ihren Anhänger:innen vermeintlich “sinnvolle” Tipps zur Vorbereitung auf dieses Untergangsszenario bereitstellen. Dort rufen sie zur “Krisenvorsorge statt Klimahysterie” auf und postulieren: “Blackout vermeiden – Energiewende stoppen”.


Blackout als "Zivilisationsbruch"


Björn Höcke wiederum sprach die vermeintliche Bedrohung eines Blackouts in seiner Rede auf einer AfD-Kundgebung in Prenzlau am 29. März an. Dort prognostizierte er auch unter anderem einen “Zivilisationsbruch”, der angeblich mit dem Blackout einhergehen würde. Der Missbrauch dieses Ausdrucks, den der Wissenschaftler Dan Diner prägte, um die Präzedenzlosigkeit des Holocaust zu beschreiben, lässt sich als Holocaustrelativierung einstufen: Durch die Beschreibung eines vermeintlichen “Blackouts” als “Zivilisationsbruch” wird dieser auf eine Stufe mit der nationalsozialistischen Vernichtung des Judentums gestellt.


Dem Narrativ zufolge, würden nun nicht mehr nur die klimapolitischen Entscheidungen der Regierung, sondern auch die Reaktion des Westens auf den russischen Angriffskrieg, einen Blackout scheinbar unausweichlich machen.


Verschwörungsideolog:innen nutzen die Sanktionen gegen Russland und die dadurch ausgelöste Ölknappheit, um ihre Prognose des Blackouts zu untermauern. So bezeichnet beispielsweise das “Compact Magazin” die derzeit notwendige Umstrukturierung der Energiebeschaffung in einem Beitrag vom 2. März als ein “Gebräu aus Klimaschutzpolitik, Ideologie, nicht zu Ende gedachten Sicherheitsinteressen und einem alles überlagernden hektischen Aktionismus”.

Als am 30. März schließlich die Frühwarnstufe im Notfallplan Gas durch den amtierenden Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck ausgerufen wurde, wuchs in Teilen der Gesellschaft die Angst vor einem Blackout, die vor allem durch rechte Medien angetrieben wurde, und erreichte nun eine breitere Öffentlichkeit. Noch am selben Tag trendete der Hashtag #Blackout auf Twitter, begleitet von dystopischen Untergangsszenarien.


Verschwörungsideolog:innen rufen nun dazu auf, sich auf die vermeintlich anstehende Gefahr vorzubereiten. Das rechte online Magazin “Auf1” veröffentlichte am 30. März einen Beitrag mit dem Titel “Notbevorratung sichert das Überleben!”, in dem sie unter anderem zu Hamsterkäufen aufriefen.


Great Reset...


Viele Stimmen aus dem rechten bzw. verschwörungsiodeologischen Spektrum bringen den anbgelich bevorstehenden Blackout mit der Verschwörungserzählung des “Great Reset” in Verbindung.


Im Juli 2020 stellte der Direktor des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab das Konzept des “Great Reset” vor. Dieses beschreibt die Chance auf eine Neugestaltung der Gesellschaft und vor allem der Wirtschaft nach der Covid-19-Pandemie auf eine gerechtere und nachhaltigere Weise. Dies bestärkte Verschwörungsideolog:innen in ihrem Denken, hinter der Covid-Pandemie stecke die Intention der “Globalist:innen”, eine “Neue Weltordnung” (“new world order”) zu schaffen.


Rational betrachtet, negiert sich diese Verschwörungstheorie jedoch natürlich voll und ganz, da der “Great Reset” von Anfang an offen vom WEF kommuniziert und nicht “hinter geschlossenen Türen” geplant wurde.


Auch der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine wird in diesen Kreisen instrumentalisiert, um die Verschwörung hinter dem “Great Reset” zu “beweisen”. Die Amadeu-Antonio-Stiftung berichtet in einer Analyse mit dem Titel “Rechtsextreme und Verschwörungsideologen nutzen den Krieg in der Ukraine für sich” darüber, wie die “klassische antisemitische Verschwörungserzählung von der extremen Rechten nun auf den Krieg projiziert wird, um damit Hass auf Jüdinnen:Juden zu nähren.” Laut Verschwörungsideolog:innen sei der Krieg nur ein weiteres Instrument der “geheimen, jüdisch konnotierten Strippenzieher”, um den “Great Reset” verwirklichen zu können.


Auch in Telegramgruppen verbreitet sich die Verschwörungstheorie zunehmend. In einer Gruppe namens “Frieden rockt” wurde beispielsweise ein Rundbrief mit dem Titel „10 Anzeichen dafür, dass der Krieg in der Ukraine teil des Great Resets ist“ verbreitet, der den Mythos untermauern soll. (Weiterführend zu diesem Thema: https://www.jfda.de/post/krieg-als-ablenkungsmanoever


... und Green Reset


Angelehnt an den “Great Reset”, der die Umstrukturierung der Weltwirtschaft beschreibt, entdeckten Verschwörungsideolog:innen nun den Begriff des “Green Reset” für sich, der sich rein auf die Energiewende bezieht. Das rechtstreme “Compact Magazin” veröffentlichte am 30. März bspw. einen Artikel mit dem Titel “Green Reset: Nutzt Habeck das Gas-Embargo zur Errichtung der Öko-Diktatur?”, in dem sie die These aufstellen, dass “vielen linken und grünen Politikern und sogenannten Klima-Aktivisten ein russisches Gasembargo sogar gelegen kommen dürfte, weil sie so endlich ihre Maximalforderungen nach Errichtung einer Öko-Diktatur durchsetzen können.”


Neue Themen, altes Weltbild


Zusammenfassend ist zu sagen, dass verschwörungsideologische Medien stets aktuelle gesellschaftliche Themen und Problematiken instrumentalisieren, um diese auf verkehrte Weise in ihr Weltbild einzufügen. Seien es Corona, Klimapolitik oder ein Krieg, letztendlich läuft es immer auf eins hinaus: Schuld sei entweder der Westen, die “Globalist:innen” oder andere Akteur:innen, die hinter geschlossenen Türen nur nach ihren eigenen Interessen handeln.


Hinter solchen Beschreibungen, die nach Shulamit Volkov als kulturelle Codes verstanden werden können, verbirgt sich häufig ein antisemitisches Weltbild. So sehen sich verschwörungsideologische Akteur:innen in der Verantwortung, diese vermeintlich geheimen Machenschaften aufzudecken und die Bevölkerung über die “Wahrheit” aufzuklären, sie zu erretten und sich dabei als "erleuchtete Erlöser" inszenieren zu können. Ein Muster, das es in der Geschichte der Verschwörungsideologien schon immer gegeben hat und vermutlich immer wieder geben wird.