In Gedenken an den Aufstand im Vernichtungslager Sobibór

Aktualisiert: 17. Okt.


„Diejenigen von euch, die überleben, können Zeugnis ablegen. Lasst die Welt wissen, was hier geschehen ist!“


Mit diesen Worten rief der jüdisch-sowjetische Widerstandskämpfer Aleksandr Pieczerski während des Aufstands im Vernichtungslager Sobibór am 14. Oktober 1943 die Häftlinge zur Massenflucht auf. Etwa 200 Gefangene schafften es, den hohen Stacheldrahtzaun sowie das Minenfeld um den Lagerkomplex zu überwinden und in das umliegende Waldgebiet zu entkommen. Vermutlich überlebten nur etwas mehr als 40 der geflüchteten Häftlinge die anschließende Hetzjagd der SS.


Das Vernichtungslager Sobibór wurde Anfang 1942 in einem Waldgebiet südöstlich von Warschau in der Region Lublin errichtet. Neben den Vernichtungslagern Treblinka und Bełżec war Sobibór Teil der Aktion „Reinhard“, der systematischen Ermordung aller Jüdinnen:Juden und Rom:nja des Generalgouvernements im besetzten Polen. Nach dem aktuellen Forschungsstand wurden bis zu 250.000 Menschen in Sobibór ermordet.

Sobibór bestand aus drei verschiedenen Lagerabschnitten. Im Lager I waren das Lagerpersonal untergebracht. Das Lagerpersonal bestand aus etwa 30 deutschen SS-Angehörigen, sowie etwa 90 bis 120 ukrainischen Kriegsgefangenen, den sogenannten Trawniki-Männern, die den Lagerkomplex bewachten. Im Lager I befand sich außerdem der Bahnsteig, an dem die Transporte ankamen. Kurz nach ihrer Ankunft wurden die Deportierten in das Lager II getrieben, in dem ihre Haare abrasiert wurden, sie sich auskleiden, sowie ihre Wertgegenstände abgeben mussten. Die Gaskammern und Massengräber befanden sich im Lager III.


Aus den ankommenden Transporten wurden mehrere Hundert Häftlinge dazu ausgewählt, Zwangsarbeit für die SS-Angehörigen zu leisten. Eine Gruppe von Häftlingen arbeitete in Werkstätten und musste sich um die Instandhaltung der Gebäude kümmern, während andere die Waggons der neu ankommenden Transporte reinigen und den Menschen vor ihrer Vergasung ihre Kleidung abnehmen mussten. Eine Gruppe von jüdischen Häftlingen, das sogenannte „Sonderkommando“ wurde dazu gezwungen, die Leichen aus den Gaskammern zu holen und sie anschließend in der Erde zu vergraben. Da durch den Verwesungsprozess eine Vergiftung des Grundwassers drohte, musste das Sonderkommando die Leichen ab Sommer 1942 exhumieren und verbrennen. Häftlinge, die erkrankten, wurden sehr schnell durch andere Menschen aus den neu ankommenden Transporten ersetzt.


Im August 1943 gründete der polnisch-jüdische Häftling Leon Feldhendler eine Widerstandsorganisation, die die Ermordung der SS-Belegschaft mit einer anschließenden Massenflucht aus Sobibór plante. Ein Gefangener, der als Elektriker Zwangsarbeit leisten musste, hatte aus verschiedenen Bestandteilen, die heimlich ins Lager geschmuggelt worden waren, einen Empfänger gebaut, mit dem die Häftlinge Nachrichten über die Entwicklungen des Krieges verfolgen konnten. Das Wissen um das Näherrücken der Roten Armee stärkte den Mut und den Willen der Gefangenen, einen Aufstand zu wagen. Zudem hatten die Häftlinge Kenntnis über den Aufstand im Warschauer Ghetto und den Aufstand in Treblinka am 2. August 1943.


Es gab verschiedene Überlegungen, wie man eine Massenflucht mit möglichst vielen Häftlingen erreichen könnte – darunter die Ideen, das Essen des Wachpersonals zu vergiften, Feuer im Lager zu legen und den Tumult für eine Flucht zu nutzen, oder eine Massenflucht durch mehrere Tunnel aus dem Lager zu organisieren. Auch wurde überlegt, die Trawniki-Männer in die Aufstandspläne miteinzubeziehen.


Die Bedingungen für einen erfolgreichen Aufstand verbesserten sich damit, dass am 23. September 1943 ein Transport mit etwa 2.000 Jüdinnen:Juden aus dem Ghetto Minsk in Sobibór eintraf. Unter den Deportierten befanden sich einige sowjetische Kriegsgefangene, die Erfahrungen in der Planung militärischer Aktionen hatten – so auch der 34-jährige Alexandr Pieczerski. Pieczerski diente als Leutnant in der Roten Armee, bis er 1941 von den Deutschen gefangen genommen wurde. Schon bald nach seiner Ankunft in Sobibór stellten einige Häftlinge in der Untergrundbewegung des Lagers den Kontakt zwischen Pieczerski und Feldhendler her, die sich beide dazu bereit erklärten, den Aufstand anzuführen. Das Datum für den Aufstand wurde auf den 14. Oktober 1943 festgelegt.


Am Tag des Aufstands luden die Häftlinge des Lager I, die als Diener für die SS-Angehörigen arbeiten mussten, den stellvertretenden Kommandanten Johann Niemann um 16 Uhr in die Schneiderei ein. Unter dem Vorwand, einen neuen Anzug für ihn anfertigen zu wollen, machte der Schneider Markierungen auf dem Rücken des SS-Manns und wies ihn dazu an, sich nicht zu bewegen. Nur wenige Sekunden später trat ein Häftling aus dem Hinterhalt hervor und spaltete Niemann mit einer Axt den Schädel. Schnell versteckten die Häftlinge die Leiche des SS-Mannes und wischten das Blut weg. Im Laufe der nächsten Stunde töteten die Aufständischen zehn weitere SS-Angehörige auf ähnliche Weise. Die Aufständischen nahmen den getöteten SS-Angehörigen ihre Waffen ab. Ein Häftling, der als Elektriker im Lager Zwangsarbeit leistete, kappte die Telefonleitungen. Der damals 17-jährige Yehuda Lerner, der gemeinsam mit seinem Mitgefangenen Arkadij Wajspapir von Pieczerski dazu bestimmt worden war, den SS-Untersturmführer Siegfried Graetschus auszuschalten, sagte später: „Ich empfand es wirklich als Ehre, dass sie mich wählten, einen Deutschen zu töten. Wir hatten keine Wahl, wir würden umkommen, aber wir wollten wie Menschen sterben. Ich kann behaupten, dass ich ihm den Schädel spaltete, als hätte ich im Leben nichts anderes getan.“


Als die Häftlinge um 17 Uhr zum Appell gerufen wurden, stieg Aleksandr Pieczerski auf einen Tisch und hielt vor allen versammelten Häftlingen eine Rede, in der er zur Flucht aufrief. Einige Häftlinge versuchten, das Waffenarsenal der SS zu erreichen, was jedoch nicht gelang, da sie von einem starken Maschinengewehrfeuer aufgehalten wurden. Andere Häftlinge liefen in die Richtung des Eingangstores, wo jedoch ebenso auf sie geschossen und der Fluchtweg blockiert wurde. Auch von den Wachtürmen aus schossen die Trawniki-Männer auf die Menschenmenge. Der Stacheldrahtzaun, der überwunden werden musste, um aus dem Lager zu gelangen, wurde von einigen Gefangenen durchschnitten. Viele Häftlinge blieben jedoch trotzdem im Zaun hängen und wurden dort erschossen. Noch mehr Häftlinge starben in dem fünfzehn Meter breiten Minenfeld hinter dem Lager.


Ein Überlebender erinnert sich folgendermaßen an seine Flucht:

„Die Häftlinge kletterten nicht einer nach dem anderen durch die Öffnung, sondern stiegen gleich über den Zaun. Obwohl wir vorgehabt hatten, die Minen mit Steinen und Holz zum Explodieren zu bringen, taten das nur die wenigsten; dafür war keine Zeit. Es war uns lieber, auf der Stelle zu sterben, als noch einen Augenblick länger in dieser Hölle zu bleiben.“

Pieczerski rannte mit einigen Mitgliedern seiner Widerstandsgruppe zu den SS-Unterkünften:

„Wir glaubten, daß die Faschisten Angst haben werden, neben ihrer Unterkunft Minen zu legen, da Splitter durch die Fenster hineinkommen könnten. Die von dem Untergrundkomitee dafür Bestimmten schnitten mit der Schere Öffnungen durch den Draht. Viele sind hier durchgekommen.“

Die Gruppe lag mit ihrer Vermutung richtig und ermöglichte einigen Gefangenen den Weg durch ein nicht vermintes Gebiet.


Nachdem die SS die Telefonleitungen wiederhergestellt und Verstärkung angefordert hatte, folgte eine groß angelegte Fahndung nach den etwa 200 Geflüchteten, die nicht bereits erschossen oder im Minenfeld umgekommen waren. Die im Lager zurückgebliebenen Häftlinge, die sich nicht am Aufstand beteiligt hatten und es auch nicht geschafft hatten, zu entkommen, wurden erschossen. Das Vernichtungslager wurde abgerissen und zur Vertuschung der Verbrechen wurde ein Bauernhof auf dem Gelände errichtet.


Ein Großteil der Ausgebrochenen wurde auf der Flucht aufgespürt und ermordet oder von polnischen Zivilist:innen an die Deutschen verraten oder getötet. Aufgrund des weit verbreiteten Antisemitismus in Polen überlebten nur wenige der Geflüchteten durch die Hilfe der örtlichen Bevölkerung. Die etwas mehr als 40 Überlebenden schlossen sich zumeist Partisanengruppen an, von denen einige die Aufständischen jedoch ebenfalls vertrieben, als sie von ihrer jüdischen Identität erfuhren.



Foto von den Überlebenden des Vernichtungslagers Sobibór bei einem Nachkriegstreffen.
Nachkriegstreffen der Überlebenden des Vernichtungslagers Sobibór. (Quelle: Yad Vashem Photo Archives)

Die Überlebenden des Aufstandes blieben bis zu ihrem Tod miteinander in Kontakt. Am 3. Juni 2019 verstarb der letzte Überlebende, Semjon Rosenfeld, im Alter von 96 Jahren in Israel.



Literatur:


Langbein, Hermann (1980): … nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938–1945.


Distel, Barbara: Sobibór. In: Benz, Wolfgang; Distel, Barbara (Hg.) (2005): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 8.


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