Coronademo und Reichsbürger-Narrative am 31.01.21 in Berlin

“Da sollte mal sich jeder mal jetzt wirklich mal darüber nachdenken…” sagte der Redner aus der Gruppe “Widerstand für die Freiheit” vor den rund 600 Demonstrierenden, die am Abend des 31.01.2021 zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule aufmarschiert waren, um ihrem Protest gegen die Coronaschutzmaßnahmen und die Bundesregierung Ausdruck zu verleihen. Ob die Zuhörenden wirklich darüber nachdachten, als der Redner von der fehlenden Souveränität des deutschen Staates zu sprechen begann, von den Bürger:innen, die darin lediglich “Personal” seien und von dem Nichtvorhandensein eines Friedensvertrages, wäre durchaus wünschenswert gewesen. Immerhin handelte es sich hierbei um typische Narrative aus dem Reichsbürger-Spektrum.


Die Direktheit, mit der auf einer Corona-Demonstration Gedanken und Ideologeme der Reichsbürger-Bewegung öffentlich vorgetragen wurden, war durchaus auffällig. Zwar war die Teil- und Einflussnahme von Vertreter:innen des rechtsextremen Reichsbürger-Szene von den ersten Coronademonstrationen an offensichtlich gewesen. Dennoch hatten die Organisator:innen der Demonstrationen rund um “Querdenken”, “Freedom Parade” und “nichtohneuns”/KDW immer wieder bestritten, auch solchen Gruppierungen Platz auf ihren Veranstaltungen zu bieten und sogar gemeinsame Sache zu machen.


Die ausgelassene Feierstimmung der Demonstrierenden am 31.01. ließ indessen darauf schließen, dass man sich an den Aussagen des Redners von “Widerstand für die Freiheit” nicht störte bzw. seine Ansichten mutmaßlich teilte. Die Teilnehmenden tanzten zu den Beats von “steckt euch die Maske in den Arsch” und dem neuen Coronademo-Hit “die Wahrheit” von Ballermann-Entertainer “Björn Banane”, und erfreuten sich schließlich an einem Feuerwerk, dass inmitten der Pandemie im nächtlichen Tiergarten gezündet wurde.


Offiziell stand die Demonstration unter dem Titel “In Solidarität zu Österreich”. Umso mehr begeisterten sich die Teilnehmenden über die Ereignisse in Wien am selben Tag. Die dortige Polizei wurde für ihr Verhalten, mit den Demonstrant:innen “mitgelaufen” zu sein, gefeiert. Die Polizei Wien dementierte dies jedoch auf ihrem Twitterkanal. Ihr Verhalten sei nur Teil einer gängigen Taktik gewesen, Aufmärsche nach Möglichkeit immer an der Spitze, an den Flanken und am Ende zu begleiten.


Obwohl als “Großdemonstration” in den sozialen Netzwerken angekündigt, fand die Veranstaltung in Berlin, im Gegensatz zu Wien, nur verhaltenen Zuspruch. Dafür waren bekannte Größen aus dem Coronademo-Spektrum anwesend. Zu diesen zählten der Rechtsextreme, als “Volkslehrer” bekannte Nikolai Nerling, der Rechtsextreme Eric Graziani von der “Patriotic Opposition Europe”, der rechte Youtuber Matthäus Westfal aka “Aktivist Mann”, der holocaustverharmlosende Erdogan-Anhänger Martin Lejeune und der Holocaustleugner Reza Begi. Auch der Aktivist und DJ Michael Bründel alias “Captain Future” war unter den Feiernden und beteiligte sich aktiv mit einem Redebeitrag. Sowohl er als auch Westfal wurden von der Polizei vorübergehend festgenommen. Weitere Festnahmen fanden statt, als viele der Demonstrierenden vor der Siegessäule den gebotenen Mindestabstand und die Maskenpflicht missachteten.



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