top of page

Dieses Argument liest man häufig - es ist eines der weitverbreitetsten Missverständnisse über das, was mit “Antisemitismus” eigentlich gemeint ist. Denn unter Antisemitismus versteht  man nicht die Feindschaft gegen Semit:innen, sondern die gegen jüdische Menschen. Warum ist das so?

Was sind Semit:innen?

Es gibt Menschen, die man historisch und sprachwissenschaftlich als “Semit:innen” beschreiben kann. Etymologisch geht der Begriff zurück auf den biblischen Sem, der vermutlich Erstgeborene der drei Söhne Noahs. Von ihm stammt einige Generationen später Abraham ab, der als “Vater” der drei abrahamitischen Religionen Christentum, Islam und Judentum beschrieben wird. 

 

Abrahams Nachkommen sind laut Bibelexegese u.a. die Araber, die Phönizier, die Hebräer, die Aramäer, die Kanaaniter, die Tigrinya und die Samaritaner. Sie wurden in biblischen Zeiten als Nachkommen Sems beschrieben, ihre Sprachen aus heutiger Sicht als semitische Sprachen.

 

Den Begriff “Semiten” prägte vermutlich der Historiker und Sprachwissenschaftler August Ludwig von Schlözer in einem Aufsatz aus dem Jahr 1781. Er ist also ein vergleichsweise junger Begriff, obwohl er Sprachen beschreibt, die fast 2.000 Jahre alt sind. Heute wird der Begriff “Semiten” eigentlich nicht mehr verwendet - und wenn doch, dann meist nur innerhalb der Sprachwissenschaft, um semitische Sprachen zu beschreiben. 

 

Zurück zur Eingangsfrage: Hält man sich diese Wortbedeutung von “Semit:innen” vor Augen, dann ist es plausibel, Araber:innen als “Semit:innen” zu bezeichnen, da Arabisch eine semitische Sprache ist. 

 

Das Problem ist aber: Das ist nicht das, was mit dem Begriff “Antisemitismus” gemeint ist. Warum das so ist, soll im nächsten Abschnitt erklärt werden.

Verweist “Antisemitismus” auf “Semit:innen”?

Mit “Semit:innen” wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, also fast 100 Jahre nach der Begriffsprägung durch von Schlözer, nicht mehr eine Gruppe verschiedener Völker benannt, die eine semitische Sprache sprechen. Verschiedene Rassentheoretiker:innen begannen vielmehr, den Begriff nur noch in Verbindung mit dem Judentum zu gebrauchen. Das Judentum wurde so zu einer vermeintlichen semitischen “Rasse” erklärt. 

 

Gleichzeitig wurde das Judentum selbst mit der Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts assoziiert. Die Moderne bedeutete für viele Menschen neuartige soziale, kulturelle und technische Entwicklungen. Einige waren positiv, andere aber auch negativ und überforderten viele Menschen. Für diese negativen Entwicklungen wurde das Judentum verantwortlich gemacht, das man als Verursacher vermutete. So wurde das Judentum nicht nur zu einer “Rasse”, sondern auch zu einem “Sündenbock”.

Woher kommt der Begriff “Antisemitismus” - und was bedeutet er?

Im Jahr 1879 prägte der Journalist Wilhelm Marr den Begriff “Antisemitismus”. Er teilte die Auffassung, dass das Judentum eine semitische “Rasse” und diese “Rasse” verderblich, gefährlich und unheilvoll sei. Der Begriff “Semitismus” entstand. Verbunden mit einem “Anti” sollte er die Feindschaft gegen die angeblichen “Semiten” bezeichnen. Marr ging auch davon aus, dass das deutsche Volk, das er als “Arier” bezeichnete, im Krieg mit den “Semiten” stehe. Also, so schlussfolgerte Marr, müsse es einen arischen “ANTIsemitismus” geben, der sich gegen diese Entwicklung stelle. 

 

Es ist kaum zu übersehen, wie sehr diese Beschreibungen mit der nationalsozialistischen Ideologie des Antisemitismus übereinstimmen. Und in der Tat gibt es eine deutliche Kontinuität zwischen den Schriften und Ausführungen von Personen wie Wilhelm Marr und den Nationalsozialist:innen. Marr war Teil einer völkischen Bewegung, in der derartige antisemitische Vorstellungen sich über Jahrzehnte ausbreiteten und im Nationalsozialismus aufgingen. Man kann den Nationalsozialismus also unter anderem als einen Ausdruck völkischer Ideologie beschreiben.

 

Können Araber:innen also antisemitisch sein? Ja - genau wie jeder Mensch auch!

Und wieder zurück zur Ausgangsfrage: Wenn man sich die Entwicklung des Begriffes “Antisemitismus” vor Augen hält, dann wird klar, dass damit nicht “semitische Sprachen” oder “semitische Völker” gemeint sind, sondern das Judentum. Das kann man sich außerdem auch anhand der Begriffe selbst vor Augen führen: “Semiten” bedeutet etwas anderes als “Semitismus”. [1]

 

Insofern läuft das Argument, dass Araber:innen keine Antisemit:innen sein können, weil sie selbst Semit:innen seien, ins Leere, weil es am eigentlichen Problem vorbei geht: Im Begriff des Antisemitismus geht es nicht um semitische Sprachen oder Völker, sondern ausschließlich um Jüdinnen:Juden.

 

Das Argument ist aber auch noch aus einem anderen Grund irreführend. Warum sollte jemand, der “semitisch” ist, nicht auch “antisemitisch” sein können? Auch jüdische Menschen können antisemitisch sein, genau wie von Rassismus diskriminierte Personen sich rassistisch äußern können, homosexuelle Menschen sich homofeindlich äußern können oder intellektuelle Menschen sich antiintellektuell äußern können. Die sich selbst gegebene Identität verschafft keine Immunität gegen diskriminierende Äußerungen gegenüber der “eigenen” Gruppe.

 

Zusammengefasst: Selbst wenn es also in gewisser Weise zulässig ist, dass man Araber:innen als Semit:innen beschreibt, heißt das nicht, dass sie nicht antisemitisch eingestellt sein können. Antisemitismus richtet sich gegen jüdische Menschen, nicht gegen Semit:innen.

 

Übrigens: Es gibt auch arabische Jüdinnen:Juden. Auch sie können von Antisemitismus betroffen sein. Aber dann werden sie als jüdische Menschen diskriminiert und nicht als (“semitische”) Araber:innen.

Anmerkungen:

[1] Der Vollständigkeit halber muss hier angemerkt werden, dass es in der Sprachwissenschaft durchaus “Semitismen” gibt, genauso wie es bspw. Anglizismen gibt. Damit werden also bestimmte Anleihen aus semitischen Sprachen beschrieben. Aber das ist hier nicht gemeint.

Mythos 8_edited.png

Araber:innen können gar nicht antisemitisch sein, weil sie auch "Semit:innen" sind.  

 

MYTHOS 8

ANTISEMITISMUS AUFGEKLÄRT 

bottom of page