MYTHOS 9

Antisemitismus ist eine Frage der Bildung – wer gebildet ist, kann nicht antisemitisch sein.

Wenn Antisemitismus ein Weltbild ist, das mit der Realität nichts zu tun hat, warum gibt es dann so viele Menschen, die antisemitisch denken und fühlen? Vielleicht erkennen viele Menschen ja einfach nicht, dass Antisemitismus eine falsche Projektion ist, weil sie es nicht besser wissen? Müsste Bildung da nicht theoretisch aushelfen können? Und müssten gebildete Menschen nicht “immun” gegen Antisemitismus sein? 

 

Immer wieder hört man die Behauptung, dass gebildete Menschen gar nicht antisemitisch sein können. Deswegen glaubt man häufig, dass Antisemitismus eine Frage des Bildungsstandes ist: je höher die Bildung, desto geringer der Antisemitismus. Doch ist das wirklich so? Um es vorweg zu sagen: nein, es sind sogar sehr häufig gerade gebildete Menschen, die antisemitische Aussagen verbreiten. Warum das so ist, soll in diesem Text besprochen werden.

Hilft Bildung gegen Antisemitismus?

“Bildung” ist ein sehr vager Begriff. Er könnte grob als Allgemeinwissen über “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” (nach Douglas Adams) beschrieben werden. Das wird im Wort “Allgemeinbildung” deutlich. Daher denken viele Menschen vielleicht: je höher die (allgemeine) Bildung einer Person, desto eher weiß sie, was richtig und was falsch ist. Und da Antisemitismus mit falschen Annahmen über jüdische Menschen einhergeht, dürften gebildete Menschen doch eigentlich nicht antisemitisch eingestellt sein. 

 

Manche denken vielleicht bei dem Wort “Bildung” auch an das “Humboldtsche Bildungsideal” - damit ist gemeint, dass eine Person “gebildet” ist, wenn sie ihre Persönlichkeit in Bezug auf geistige, kulturelle und soziale Kenntnisse und Fähigkeiten höchstmöglich entwickelt hat. So würde sie zu einem autonomen und kosmopolitischen Wesen.

 

Nach derartigen Bildungsverständnissen könnte ein gebildeter Mensch wohl kaum antisemitisch sein. Denn wir würden vermuten, dass er auf den Stationen seiner Bildung erkannt haben müsste, dass Antisemitismus auf falschen Annahmen beruhe, menschenfeindlich und zu bekämpfen sei.

 

Der Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass das leider nicht stimmt: Viele gebildete Menschen oder solche, die wir aus heutiger Sicht so beschreiben würden, waren Antisemit:innen. Auch heute ist ein großer Anteil derjenigen Menschen, die antisemitisch eingestellt sind und/oder Antisemitismus verbreiten, solche, die man als “gebildet” beschreiben würde: Sie haben eine Hochschulbildung und arbeiten in wichtigen gesellschaftlichen Positionen, sind zum Beispiel Ärzt:innen, Politiker:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen, Richter:innen bzw. Jurist:innen, Schriftsteller:innen oder Theolog:innen. 

Gebildeten Antisemitismus gab es schon immer

Das war schon immer so: Antisemitismus ist integraler Bestandteil der Europäischen Kulturgeschichte - und das bereits seit mehr als 2.000 Jahren. Er hätte nicht ein so integraler Bestandteil werden können, wenn nicht einflussreiche, gebildete Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kultur und Religion ihn nicht auch immer wieder verbreitet hätten. Das heißt nicht, dass nur gebildete Menschen antisemitisch waren: nein, es hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt, dass Antisemitismus in der gesamten Bevölkerung verbreitet ist. Aber es waren und sind eben zu einem großen Teil auch gebildete Menschen.

 

Ein Beispiel für einen sogenannten gebildeten Antisemiten ist der Professor für Theologie Martin Luther (1483 - 1546). Der Reformator Luther, auf dessen Wirken die Gründung der evangelisch-protestantischen Kirche in Deutschland zurückgeht und der bis heute als deutscher Nationalheld verehrt wird, ist aber kaum für seine antisemitischen Schriften bekannt. Dabei sind diese noch bis heute wirkmächtig. Ein wichtiges Beispiel ist sein Text “Von den Juden und ihren Lügen” aus dem Jahr 1543, in der er bekannte antijudaistische Themen wie Brunnenvergiftung, Kindermord oder Hostienschändung übernimmt. 

 

Auch zur Verbreitung des modernen Antisemitismus trugen maßgeblich gebildete Einzelpersonen aus der Wissenschaft bei – die führenden Ideologen des Nationalsozialismus waren gebildete Männer. So schreibt die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel, dass “Antijudaismus stets aus den Schreibstuben der Gelehrten kam, bevor er sich flächendeckend ausbreitete. Auch der rassistische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts wurde auf allen Ebenen der Gesellschaft und auch von hochgebildeten Persönlichkeiten artikuliert.” [1]

 

Einer der einflussreichsten und wirkmächtigsten von ihnen war der Journalist Wilhelm Marr (1819 - 1904). Er prägte im Jahr 1879 den Begriff “Antisemitismus”, den es vorher nicht gab. Mit ihm wollte er darauf aufmerksam machen, dass es angeblich einen Kulturkampf zwischen dem Judentum, das zu der Zeit auch als “Semiten” bezeichnet wurde, und den Deutschen gab. Programmatisch nannte er daher eines seiner Bücher “Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum” (1879).

 

Auch in der Literatur, die immer mit den sogenannten gebildeten Schichten assoziiert wurde, finden sich über die Jahrhunderte immer wieder Beispiele antisemitischer Bilder - zum Beispiel bei William Shakespeare (die Figur Shylock in Der Kaufmann von Venedig), Charles Dickens (die Figur Fagin in Oliver Twist) , Wilhelm Raabe (die Figur Moses Freudenstein in Der Hungerpastor) und Gustav Freytag (die Figur Itzig Veitel in Soll und Haben) [2].

Gebildet gegen Israel

Auch heute ist es mitnichten so, dass Antisemitismus ausschließlich von Menschen verbreitet wird, die manchmal mit dem Wort “bildungsfern” beschrieben werden. Das ist auch wissenschaftlich bewiesen: Monika Schwarz-Friesel hat in einer lang und breit angelegten Studie knapp 14.000 antisemitische Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland ausgewertet. 

 

Dabei kam sie zu zwei wichtigen Erkenntnissen: Erstens seien knapp 90% der eingesendeten Hassnachrichten dem israelbezogenen Antisemitismus zuzuordnen. Zweitens zeige sich, dass mindestens 60% der sogenannten Mitte entstammen, von denen “auffällig viele Akademiker_innen sind, also hoch gebildete Bürger_innen” [3]. 

In einem Podcast des Deutschlandfunks gibt sie ein eindrückliches Beispiel aus ihrer Studie: “Ich habe hier ein Beispiel von einem sehr gebildeten Akademiker, der von sich selbst sagt, er sei kein Antisemit und er würde immer links wählen… Ich lese das mal vor: ‘Aus Sicht eines realpolitischen Deutschlands à la Merkel muss man sagen, dass sieben Millionen tote Juden’ – damit meint er die Israelis – ‘so schlimm das auch wäre, nüchtern betrachtet besser wäre als sieben Milliarden tote Menschen wegen der brutalen jüdischen Weltherrschaft…’“ [4].

Hilft Bildung also gegen Antisemitismus?

Bildung kann also gegen Antisemitismus helfen - aber nur wenn sie auch über Antisemitismus aufklärt, um ihm entgegenzuwirken. Effektiv kann sie das aber nur, wenn sie möglichst viele Menschen erreicht. Doch über Antisemitismus wird in unserer Gesellschaft immer noch viel zu wenig aufgeklärt und gebildet. Und das heißt auch nicht, dass Bildung gegen Antisemitismus auch bei allen Menschen Wirkung zeigt: Antisemit:innen sind oftmals schon so gefestigt in ihrem Weltbild, dass sie sich durch rationale Argumente nicht mehr erreichen lassen. 

 

Deswegen ist es umso wichtiger, früh mit Bildungsarbeit gegen Antisemitismus zu beginnen und so dafür zu sorgen, dass antisemitische Gedanken rechtzeitig bekämpft werden. Denn man ist nicht automatisch Antisemit:in wenn man etwas Antisemitisches wiedergibt, was man mal gehört hat. Es kann ja sein, dass man gar nicht wusste, dass dieses oder jenes antisemitisch ist. Erst wenn man immer wieder etwas antisemitisches denkt und sagt und einem dabei nicht widersprochen wird, festigt sich das Weltbild, bis es sich schließlich vor jeglichen Gegenargumenten verschließt.

 

Verweise

 

[1] Schwarz-Friesel, Monika: “Gehobener Judenhass”, in: Jüdische Allgemeine (29.06.2015), online: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/gehobener-judenhass/. Im Text nennt sie noch weitere Beispiele: “Es waren Philosophen wie Hegel (das Judentum würde »im Kote wohnen«) und Jakob Friedrich Fries (»Völkerkrankheit«), Schriftsteller wie Ernst Moritz Arndt (»Pest unseres Volkes«) und Theodor Fontane (»schreckliches Volk«), Journalisten wie Wilhelm Marr (»Parasiten«, »verjudete Tagespresse«), Komponisten wie Richard Wagner (»aufhören, Jude zu sein«), Politiker wie der Hofprediger Adolf Stoecker (Unterzeichner der »Antisemitenpetition«) und Historiker wie Heinrich von Treitschke (»Die Juden sind unser Unglück«).”

 

[2] Für weitere einführende Informationen vgl. Schwarz-Friesel, Monika: “Literarischer Antisemitismus: Judenfeindschaft als kultureller Gefühlswert”, in: Compass Infodienst (ONLINE-EXTRA Nr. 263, November 2017. Online: https://www.compass-infodienst.de/Monika-Schwarz-Friesel-Literarischer-Antisemitismus.16219.0.html. Vgl. auch Körte, Mona: “Literarischer Antisemitismus”. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. Berlin / New York 2010, S. 195–200.

 

[3] Schwarz-Friesel, Monika: “Gebildeter Antisemitismus, seine kulturelle Verankerung und historische Kontinuität: Semper idem cum mutatione”, in: Gebildeter Antisemitismus : Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft, Baden-Baden: Nomos, 2015. S. 13-34, hier: S. 20.

 

[4] Serup-Bilfeldt, Kirsten: “Der „gebildete“ Antisemitismus als Herausforderung”, in: Aus der jüdischen Welt (Podcast vom 27.1.2017). Online: https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-moralischen-sieger-der-gebildete-antisemitismus-als.1079.de.html?dram:article_id=399294