MYTHOS 5

Linke setzen sich gegen Unterdrückung ein. Deswegen können sie gar keine Antisemit:innen sein

Die Behauptung, Linke könnten gar keine Antisemit:innen sein, da sie sich gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung einsetzten und für die Schwachen und Entrechteten dieser Welt engagierten, erscheint zwar auf den ersten Blick nachvollziehbar, ist aber leider eine falsche Annahme. Die Geschichte hat gezeigt, dass es auch in der politischen Linken Judenhass gab und immer noch gibt

 

Bereits das Werk von Karl Marx ist nicht frei von Antisemitismus. In seiner Schrift “Zur Judenfrage” bediente sich der wichtigste Theoretiker des Kommunismus, der selbst aus einer zum Christentum konvertierten jüdischen Familie stammte, antisemitischer Stereotype. Die KPD der Weimarer Republik wetterte gegen “verjudetes Finanzkapital” und in der Sowjetunion wurden Jüdinnen:Juden unter Stalin als “wurzellose Kosmopoliten” diskriminiert. Anfang der 1950er Jahre wurden in Moskau unter dem Vorwand einer angeblichen jüdischen “Ärzteverschwörung” Jüdinnen:Juden vor Gericht gestellt.

 

Auch in der Bundesrepublik gab es linken Antisemitismus. Nachdem Israel 1967 den Sechstagekrieg gewonnen hatte, fand in der 68er-Bewegung eine antiisraelische Wende statt. Die Student:innen prangerten nun nicht mehr nur den Krieg der USA in Vietnam an, sondern wendeten sich auch vehement gegen den aus ihrer Sicht imperialistischen jüdischen Staat. Einige von ihnen wie die linksterroristische “Rote Armee Fraktion” (RAF) verbündeten sich mit palästinensischen Terroristen, die 1972 in München die israelische Olympia-Mannschaft entführten und ermordeten. Kritische Stimmen, die den Antisemitismus in den eigenen Reihen skandalisierten, blieben bis in die 1990er Jahre in der radikalen Linken die Ausnahme.

 

Ein zentraler Teil des Antisemitismus in der Linken hängt mit einem binären antiimperialistischen Weltbild zusammen. Im Antiimperialismus wird die Welt in gut und böse eingeteilt, in Unterdrückte und Unterdrücker. Dabei werden die USA und Israel oftmals als Verkörperungen des ausbeuterischen und mörderischen Imperialismus angesehen. Ausgeblendet wird dabei, dass Jüdinnen:Juden stets eine verfolgte Minderheit waren und dass das Ziel des Zionismus und des Staates Israel die nationale Befreiung des jüdischen Volkes ist. 

 

Des weiteren wird die komplexe Welt des Kapitalismus von Teilen der Linken stark vereinfacht. “Kapitalisten”, “Bonzen” und “Bankern” wird die Schuld für Ausbeutung und soziale Missstände gegeben anstatt in der Beschaffenheit des Wirtschaftssystems nach ihren Ursachen zu suchen. Diese Form der personalisierten und verkürzten Kapitalismuskritik mündet häufig in Feindschaft gegenüber Jüdinnen:Juden, die mit den oben genannten “raffgierigen Eliten” in Verbindung gebracht werden.

 

Heute tritt linker Antisemitismus häufig in Form des gegen israelgerichteten Antizionismus auf. So finden sich bspw. unter den Unterstützer:innen der antisemitischen BDS-Bewegung (“Boycott, Divestment, Sanctions”), die sich für die Abschaffung des jüdischen Staates Israel einsetzt, viele linke und linksliberale Akademiker:innen und Kulturschaffende.