MYTHOS 4

Antisemitismus ist Rassismus.

Im März 2021 veröffentlichten 200 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ein politisches Statement mit dem Titel “Jerusalem Declaration on Antisemitism”, kurz: JDA. In der Erklärung sollte definiert werden, was man unter Antisemitismus verstehen kann. Die Unterzeichner:innen erklärten darin auch, dass Antisemitismus eine Spielart von Rassismus ist. Auf ein solches Verständnis trifft man immer wieder. Doch was ist dran an dieser Auffassung? Kann Antisemitismus als eine Form von Rassismus neben anderen verstanden werden?

 

Es gibt mehrere Gründe, warum diese Annahme in die Irre führt. Schaut man sich die Geschichte, die Funktion und die Inhalte der beiden Phänomene an, wird schnell deutlich, dass es wichtige Unterschiede zwischen Antisemitismus und Rassismus gibt und man daher nicht davon sprechen kann, dass Antisemitismus eine Form von Rassismus ist.

 

Zwei wichtige Schauplätze, die man für die Entstehung des Rassismus in Betracht ziehen muss, sind 1. der transatlantische Sklavenhandel der europäischen Kolonialmächte seit dem 16. Jahrhundert, und 2. die Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Im transatlantischen Sklavenhandel wurden Millionen schwarzer Menschen vom afrikanischen Kontinent in Schiffen über den Atlantik verschleppt - sehr viele überlebten die Überfahrt nicht -  und unter grausamen Bedingungen in der sogenannten Neuen Welt (Nord-, Mittel- und Südamerika) gewaltsam zur Arbeit auf bspw. Plantagen gezwungen. 

Da sich eine solche grausame Praxis nicht mit der europäisch-christlichen Auffassung vereinbaren ließ, dass alle Menschen gleichermaßen ein Ebenbild Gottes sind, wurden schwarze Menschen als weniger der Menschheit denn dem Tierreich zugehörig betrachtet. 

 

Diese Vorstellung sollte die Sklaverei also ‘legitimieren’: Wenn es sich bei den versklavten Menschen gar nicht wirklich um Menschen handele, dann sei auch die Sklaverei kein barbarischer Akt und es sei auch nicht moralisch falsch, sie zur Aufrechterhaltung des transatlantischen kolonialen Handelssystems zu betreiben. So oder so ähnlich könnte man diese Ideologie vielleicht beschreiben.

 

Um diese Vorstellung weiter zu legitimieren, war es nur folgerichtig, dass sich im Zuge der europäischen Aufklärung wissenschaftliche Theorien entwickelten, die die angebliche moralische Rechtmäßigkeit der Sklaverei untermauern sollten. Philosophen, Biologen und Anthropologen wie Immanuel Kant, Johann Friedrich Blumenbach oder Carl von Linné waren davon überzeugt, dass sich die Menschheit in verschiedene “Rassen” einteilen und hierarchisieren lasse. Die Vorstellung, dass es tatsächlich verschiedene biologische “Rassen” von Menschen gebe, die entweder über- oder unterlegen waren, war damals also sehr weit verbreitet und diente letztendlich der Legitimation von Sklaverei und Kolonialismus: schwarze Menschen seien ‘wild’, ‘unkultiviert’ und ‘unzivilisiert’, man könne also über sie als Arbeitskräfte verfügen, sie ausbeuten und erniedrigen - mehr noch: es sei geboten, sie zu ‘zivilisieren’. 

 

Völlig neu war die Vorstellung von biologischen Menschenrassen jedoch nicht: Bereits im 15. Jahrhundert gab es einen Vorläufer eines solchen biologisch-anthropologischen Verständnisses des Rassismus: Im mittelalterlichen Spanien wurden Jüdinnen:Juden nicht mehr ausschließlich aufgrund ihrer ‘falschen’ Religion verfolgt und ausgegrenzt, sondern auch weil sie die ‘falsche’ Abstammung hatten. Es ging um die “Reinheit des Blutes” (“limpieza de sangre”).

 

Die Ursprünge des Rassismus liegen also auch in der Feindschaft gegen Jüdinnen:Juden. Das Beispiel zeigt auch, dass es schon früh Formen von Antisemitismus gab, die rassistisch waren. Der rassistische Antisemitismus gewann vor allem im 19. Jahrhundert in Europa an Bedeutung. Er löste den religiösen Antijudaismus des Mittelalters ab. In Deutschland wurden Jüdinnen:Juden der “Rasse” der “Arier” gegenübergestellt. Sie würden nicht zum “deutschen Volk” gehören. Diese Vorstellung war zentral für den Antisemitismus der Nationalsozialisten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Formen von Antisemitismus rassistisch sind. Und es bedeutet ebenfalls nicht, dass Antisemitismus als Form von Rassismus bezeichnet werden kann.

 

Die Unterschiede werden deutlich, wenn man sich anschaut, wie die beiden Phänomene funktionieren: Rassistische Diskriminierung erfolgt nach dem Muster, dass Menschen auf verschiedene Weise abgewertet werden, beispielsweise indem ihnen angedichtet wird, dass sie weniger zivilisiert oder weniger intelligent seien. So funktionierte Rassismus im Kolonialismus und dieses Denken setzt sich bis heute fort.

 

Im Antisemitismus dagegen werden Jüdinnen:Juden weniger als ‘unzivilisiert’ oder ‘weniger intelligent’ wahrgenommen, sondern u.a. als (über-)mächtig, abstrakt-geistreich, dämonisch-bösartig und listig. Jüdinnen:Juden würden im Hintergrund “die Fäden ziehen” und die Welt beherrschen. Damit erfüllt der Antisemitismus die Funktion einer Welterklärung. Alles Übel auf der Welt wird dem bösartigen Wirken der Juden zugeschrieben.

 

Diese Gegenüberstellung ist stark vereinfacht, soll aber auf einen wesentlichen Unterschied hinweisen: Kennzeichnend für den Antisemitismus ist das Element der Verschwörungsideologie, dass Jüdinnen:Juden die Welt ins Verderben stürzen wollen. Diese Vorstellung gibt es im Rassismus nicht. Das heißt nicht, dass jüdische Menschen nicht auch rassistisch diskriminiert werden.

 

Antisemitische Verschwörungserzählungen wie die vom “Großen Austausch” verbinden diese Phantasien, indem sie Deutschland und Europa von einer “Welle” von Migrant:innen bedroht sehen, die bewusst von Juden (oder wahlweise von Israel, das hier als einheitliches jüdisches Kollektiv verstanden wird) aus dem Hintergrund gelenkt würde, um das “deutsche Volk” oder das europäische Abendland zu zerstören. Die nach Europa kommenden Migrant:innen werden also als Gefahr gesehen, als verantwortliche ‘Strippenzieher’ im Hintergrund aber die Juden.

 

Eine weitere Besonderheit des Antisemitismus ist seine umfassende Vernichtungsabsicht. Die Nazis hatten bekanntlich das Ziel, alle Jüdinnen:Juden weltweit zu ermorden. Der Holocaust hatte keinen anderen Zweck als die bloße Vernichtung aller Jüdinnen:Juden, um das eigene Volk von allem Bösen zu ‘erlösen’. Dies unterscheidet ihn von allen anderen Völkermorden in der Geschichte. Jüdinnen:Juden werden im Antisemitismus als “Feinde der Menschheit”, als bösartige “Gegenrasse” angesehen. Damit werden sie nicht nur zu einer fremden Gruppe neben anderen gemacht, sondern aus der Gemeinschaft der Menschheit als Ganzer ausgeschlossen.

 

Schließlich ist es auch wichtig zu betonen, dass Antisemitismus nicht pauschal als “Vorurteil” verstanden werden kann. Denn Antisemitismus beruht auf bloßen Phantasien, die nichts mit dem Verhalten realer Jüdinnen:Juden zu tun haben. Es ist zwar ein rassistisches und falsches Vorurteil, dass alle Muslim:innen Terrorist:innen sind. Allerdings gibt es eine sehr kleine Minderheit von Muslim:innen, die tatsächlich Terrororganisationen  wie Al Qaida, Daesch oder der Hamas angehören. Im Rassismus, der sich gegen Muslim:innen richtet, wird diese Minderheit unzulässig verallgemeinert, so dass Muslim:innen vor-verurteilt werden So etwas wie jüdische Ritualmorde, Brunnenvergiftungen oder eine ‘jüdische Weltverschwörung’ hat es dagegen nie gegeben. Sie sind reine Produkte der Phantasie.