MYTHOS 1 

Antisemitismus war in der Zeit des Nationalsozialismus weit verbreitet, heute dagegen gibt es kaum noch Antisemitismus.

“Heute gibt es keine oder kaum noch Judenfeindschaft in Deutschland.” Dieser Aussage stimmen laut einer repräsentativen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen aus dem Jahr 2020 für das ZDF 78 Prozent der Befragten zu. Für eine große Zahl der Deutschen scheint Antisemitismus also ein Phänomen zu sein, das der Vergangenheit angehört. Viele verbinden mit Antisemitismus vor allem die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. Dabei gab und gibt es auch nach der NS-Zeit Judenfeindschaft in Deutschland. Wir wollen in diesem Beitrag erklären, wie sich Antisemitismus nach 1945 verändert hat und in welchen Formen der "Post-Holocaust-Antisemitismus" auftritt.

 

So wenig wie Antisemitismus mit der Zerstörung des NS-Regimes zu Ende gegangen ist, so wenig hat er seinen Ursprung im Nationalsozialismus. Abneigung und Hass gegen Jüdinnen:Juden gab es in Deutschland und Europa seit Jahrhunderten. Die Feindschaft gegen Jüdinnen:Juden reicht zurück bis in die Antike und das christliche Mittelalter.

 

Aufgrund der Konkurrenz zum bereits bestehenden Judentum entstand im sich entwickelnden Christentum eine antijüdische Haltung. Jüdinnen:Juden wurde vorgeworfen, Gott in der Gestalt von Jesus Christus ermordet zu haben und dem Teufel zu dienen. Dies sei der Grund, warum sie christliche Hostien schänden, Brunnen vergiften und nichtjüdische Kinder entführen und ermorden würden. Diese Legenden waren nichts als Gerüchte und konnten in keinem einzigen Fall belegt werden. Doch hatten sie schreckliche Folgen: Tausende Jüdinnen:Juden wurden im Mittelalter aufgrund dieser frei erfundenen Vorwürfe verfolgt, gefoltert und ermordet.

In der Moderne verfestigten sich die christlichen Vorwürfe gegen Jüdinnen:Juden zu einem antisemitischen Weltbild, in dessen Zentrum die Phantasie von einer ‘jüdischen Weltverschwörung’ steht. Im 19. Jahrhundert fand eine spezielle Form von Antisemitismus breiten Anklang: Der völkisch-rassistische Antisemitismus. Er stellte die Juden als bösartige “Rasse” und Feinde des “deutschen Volkes” dar. Diese Spielart des Antisemitismus war auch ein wesentliches Element der Ideologie der NationalsozialistInnen.

 

Antisemitismus war Anfang des 20. Jahrhunderts in allen europäischen Ländern verbreitet. Aber nur in Deutschland gelang es mit den Nazis einer radikalen antisemitischen Bewegung die Macht zu übernehmen. Judenfeindschaft wurde damit in Deutschland zur Regierungspolitik. Die Diskriminierung und Verfolgung der deutschen Jüdinnen:Juden steigerte sich ab 1933 zunehmend. Ab 1941 begann die systematische Vernichtung von Jüdinnen:Juden aus ganz Europa in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Als die Alliierten die Lager 1945 befreiten, gab es nur noch wenige Überlebende. Sechs Millionen Jüdinnen:Juden waren in der Shoah ermordet worden. Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen:Juden ist in seinem totalen Vernichtungsanspruch, seinem Ausmaß und seiner bürokratisch-technischen Art der Durchführung beispiellos in der Menschheitsgeschichte.

 

Auch nach 1945 gab es in Deutschland Antisemitismus. Er war in den zwölf Jahren der NS-Herrschaft tief in das Denken und Fühlen der Deutschen eingegangen, die dem Nazi-Regime zu einem großen Teil begeistert gefolgt waren. Der 8. Mai 1945 brachte einen radikalen Bruch im Selbstbild der Deutschen mit sich: Hatten sich viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 als Teil einer überlegenen “Herrenrasse” gesehen, wurden sie nun von den alliierten Siegermächten mit der von den Deutschen und ihren Helfer:innen begangenen Verbrechen konfrontiert. Aus diesem Grund wurde Antisemitismus nach 1945 im Allgemeinen tabuisiert und nicht mehr offen ausgesprochen, so als gäbe es ihn nicht mehr.

 

Nach dem Holocaust, der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen:Juden, entstand eine neue Form des Antisemitismus: Der sogenannte “Schuldabwehr-Antisemitismus”. Dieser ist besonders in Deutschland und Österreich verbreitet und wird häufig auch als “sekundärer Antisemitismus” bezeichnet. Der Begriff ist jedoch irreführend, da dieser ‘neue’ Antisemitismus nicht weniger hasserfüllt, wahnhaft und aggressiv ist als der ‘alte’ Antisemitismus. Er speist sich aus dem gleichen Motiv: dem Hass und der Wut gegen Jüdinnen:Juden, ist also keineswegs zweitrangig (“sekundär”).

 

Was zeichnet den Schuldabwehr-Antisemitismus aus? Diese Form der Judenfeindschaft lässt sich laut dem Publizisten Henryk M. Broder als ein “Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz” beschreiben. Er hängt zusammen mit dem Wunsch nach einer “normalen”, unbelasteten nationalen deutschen Geschichte und Identität. Eine solche kann es jedoch aufgrund des Menschheitsverbrechens der Shoah in Deutschland nicht geben. Daher wurden die NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft beschwiegen. Sie sollten aus der nationalen Erinnerung weggewischt werden, damit wieder ein ungetrübter Stolz auf Deutschland möglich sei. Nur wenige Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager kamen daher bereits Forderungen nach einem Schlussstrich auf, der unter die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gezogen werden sollte.

 

Die Erinnerung an die NS-Verbrechen lässt sich jedoch nicht ohne weiteres aus dem kollektiven Gedächtnis streichen. Denn schon die überlebenden Jüdinnen:Juden erinnern durch ihre bloße Existenz an den nationalsozialistischen Massenmord. Sie werden daher als “Störenfriede der Erinnerung” empfunden, die ein “normales” Nationalbewusstsein der Deutschen verhindern würden. Die auch nach 1945 in Deutschland bestehenden antisemitischen Ressentiments verbinden sich so mit dem Wunsch nach einer Abwehr der Schuld an den NS-Verbrechen.

 

Dies äußert sich dann beispielsweise darin, dass Jüdinnen:Juden vorgeworfen wird, sie würden sich durch die Erinnerung an die NS-Verbrechen finanziell bereichern oder sie würden mit einer “Auschwitz-Keule” unliebsame Kritik verhindern. Diese Vorwürfe lassen sich leicht als neue Varianten der alten antijüdischen Phantasien entschlüsseln, dass Jüdinnen:Juden sich auf Kosten anderer finanziell bereichern und dass sie durch ihre angebliche Macht Medien und Meinungen kontrollieren würden.

 

Die Schuldabwehr zielt darauf, die deutsche Nation von der unliebsamen Vergangenheit des Nationalsozialismus und Holocaust zu entlasten. Deutlich zeigt sich dies in Äußerungen von Rechtsextremen, die die NS-Verbrechen und den Massenmord an den Jüdinnen:Juden schlichtweg leugnen. Aber auch die Erfindung eines deutschen Opfermythos, nach dem die Deutschen vor allem Opfer des NS-Regimes, alliierter Bombardierungen und von Vertreibungen gewesen seien, hat eine Entlastung zum Ziel. Eindeutig antisemitisch werden solche Erzählungen, wenn das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt wird und Jüdinnen:Juden vorgeworfen wird, durch ihr eigenes Verhalten selbst schuld an ihrer Verfolgung und Vernichtung zu sein oder ähnliche Verbrechen wie die Nazis begangen zu haben.

 

Im Schuldabwehr-Antisemitismus verbindet sich die Feindschaft gegen Jüdinnen:Juden mit der Abwehr der Erinnerung an die NS-Zeit. Jüdinnen:Juden wird vorgeworfen, aus der Erinnerung an die NS-Vergangenheit finanzielle Vorteile zu ziehen. Die Erinnerung an den Holocaust würde von ihnen als Druckmittel gegen die Deutschen benutzt werden. Auch wird das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt, indem z.B. die Bombardierung Dresden als “Bomben-Holocaust” bezeichnet wird und die jüdische Familie Rothschild beschuldigt wird, die Nazis finanziert zu haben. Die Forderung nach einem “Schlussstrich” unter die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gehört ebenfalls zum Schuldabwehr-Antisemitismus. Dieser Forderung stimmen laut einer aktuellen Umfrage in Deutschland 56% ausdrücklich und 24% teilweise zu - insgesamt also 80% der Bundesbürger:innen.

 

Antisemitismus verschwand nach 1945 nicht einfach aus den Köpfen der Deutschen, sondern veränderte lediglich seine Erscheinungsform. Vorbehalte, Abneigung und Hass gegen Jüdinnen:Juden wurde im Allgemeinen nicht mehr offen ausgesprochen, sondern tabuisiert und auf Umwegen kommuniziert. Der Schuldabwehr-Antisemitismus ist dafür ein Beispiel. Eine weitere Form des “Antisemitismus nach Auschwitz” ist der israelbezogene Antisemitismus, mit dem wir uns in einem weiteren Beitrag befassen werden.